Lebe wild und gefährlich

Ich lese gerade berufshalber ein Buch. Es soll ein Hörbuch daraus werden und ich probe mit der Schauspielerin die Texte für den Trailer.
Irgendwann waren wir in unserer Zusammenarbeit darauf gekommen: Erotische Literatur für Frauen, das isses. Da gibt es ziemliche Nachfrage und ein großes Angebot. Ungeheure Schmarrn zumeist, mit männlichen Helden, die aussehen, wie einer von den Chippendales und Frauen, die 45 Kilo wiegen , davon 15 auf den Brüsten und trotzdem in ihrem winzigen Körper immerfeucht riesige Geräte unterbringen, als würden sie einen Truck in einer normalen Garage parken.
Und es gibt authentische Literatur. Die Geschichte einer Frau über 60, die wesentlich jüngere Männer bevorzugt. Die dazu steht, zwischen den Beinen noch äußerst lebendig zu sein. Die ihre Liebhaber, den türkischen Familienvater, seinen russischen Kumpel und den amerikanischen Nerd, annimmt wie ein Geschenk und nicht wie ein must have, das unbedingt zur nächsten öffentlichen Mesalliance gemacht werden muß. Die weiß, wann sich die Tür hinter diesen Männern wieder schließt und das als Bestandteil des Spiels akzeptiert. Eine Frau, die in Swingerclubs geht und erotische Massagen anbietet, für die alten Herren, die nur noch berührt werden können. Keine Traumkörper. Menschen, die qua Jungsein schön sind und Ältere, die das Leben gezeichnet hat.
Ich stocke immer mal beim Lesen. Das muß doch weh tun, denke ich und meine damit nicht die Praktiken, das läßt sich entspannt trainieren. Aber meine Sozialisation, mein gesamtes Inneres wehrt sich dagegen, eine Frau, die Spaß hat, Sex genießt und keinen Mann dauerhaft im Haus hat, intakt zu finden.
Was ist denn besser? Nach einem stundenlangen F… allein einzuschlafen oder nach stundenlangem F…ernsehen? Von Männern nur noch zu träumen, da die attraktiven, begehrenswerten, die auch noch für immer bleiben wollen, für eine 60jährige so rar wie Goldstaub geworden sind? Oder das zu nehmen, was möglich ist?  Junge Männer. Nicht für die Ewigkeit, aber für ein paar Wochen oder Monate.
Ich finde das Buch garnicht sooo erotisch. Ein anderer, viel älterer Roman der Autorin, der die Sommerliebe zu einem 16jährigen beschreibt, ist wesentlich genretypischer. Ich finde das Buch lebensbejahend, mutig und kompromißlos. Ein Happy End wird es nicht geben. Aber sicher irgendwann einen anderen Anfang.

Ingeborg Middendorf: Der Mann, der nicht küßte

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