Kleine Menschenkunde – Kläger

Kläger gibt es nicht nur in Gerichtsgebäuden, sie sind überall. Die Menschen, die glauben, ihnen passiere Ungerechtigkeit oder ihnen werde etwas vorbehalten, das ihnen zusteht, sind Legion.
Die Freundin, die nun endlich grünes Licht für ihren Kinderwunsch will. Der Kollege, der erfahren hat, daß jemand, der mit ihm eingestellt wurde, mehr verdient. Die reiche Dame, die die Scheidung nicht verwindet. Die gedemütigte Ehefrau, deren Mann schlägt und trinkt. Der übervorteilte Erbe. Der betrogene Investor.
Sie schildern alle wortreich ihr Ungemach. Für manche von ihnen gibt es den Rechtsweg. Sie tun sich mit einem Fachmann zusammen, bezahlen diesen, gehen ein Auseinandersetzungsrisiko ein und lassen einen Unabhängigen entscheiden, ob sie ihr Recht verdient haben und wie ein entstandener Schaden zu heilen ist. In weniger gravierenden Fällen setzen sie sich direkt auseinander oder machen ihren Frieden mit den Umständen. Sie bekommen das Kind oder verzichten darauf, verhandeln eine Gehaltserhöhung oder erkennen die Tatsache an, weniger zu verdienen, suchen sich einen neuen Mann oder bleiben zukünftig allein.
Wenn das so wäre, dann wäre die Welt ein verdammt ruhiges Plätzchen. Ist sie aber nicht.
Nach dem guten alten Prinzip der Tragödie geraten Menschen durch ihr Handeln in unlösbare Konflikte, die sie letztlich vernichten. Wobei der Tod ohnehin unvermeidbar ist. Doch vorher machen sie kräftig Theater und singen laute und lange Klagelieder. That’s Entertainment!

Die Frauengespräche, stundenlang.
„Er ist so ein rücksichtsloses Arschloch!“
„Verlaß ihn doch endlich!“
„Naja, wir haben doch schon den Urlaub im September bezahlt.“
„Janee, is schon klar!“

Die Männergespräche, stundenlang:
„…“ Plopp – Lunklunklunk – Örps
„…“ Lunklunklunk – Ahhhh – Humpf
„Sie hat son fetten Arsch bekommen, zum Kotzen!“ Klapper – Lunklunklunk
„Kann ich verstehen, daß du keinen mehr hochkriegst.“ Lunklunklunk – Japs
„Wer redet denn davon?“ Lunklunklunk
„Janeeisklar!“ Lunklunklunk – KLapper

Hartnäckigere Fälle nehmen sich einen bezahlten Anspielpartner:

„Herr Doktor, ich schlafe keine Nacht!“
„Wir versuchen es erst mal eine Woche mit Schlaftabletten. In der Zwischenzeit lernen Sie autogenes Training.“
„Ich würde nie Tabletten nehmen und autogenes Training nutzt bei mir nichts. ICH KANN NICHT SCHLAFEN!“

Sie sollten eines auf keinen Fall tun: Lösungen anbieten. Denn dann sind Sie Partner in dem Spiel: Mir ist nicht zu helfen! – wahlweise heißt es auch Es ist so schrecklich! oder Keiner mag mich! oder Die Welt ist Scheiße!
Noch weniger sollten Sie Wert darauf legen, daß ihre angebotenen Lösungen realisiert werden. Denn dann sind Sie ein Spielverderber.
Sollten Sie auch noch die tausendste Story vom fremdgehenden Freund ihrer Freundin lustig finden, hören Sie zu und geben immer mal Aufmerksamkeitslaute von sich. Sollten Sie gutes Geld mit Menschen verdienen, die ihre Situation ohnehin nicht ändern werden, gratuliere ich Ihnen zu Ihrem einträglichen Beruf Passen Sie auf, daß Sie nicht mit der Zeit zynisch werden. Für alle anderen gilt: Fliehe weit und schnell!

Auch das noch:

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26 Gedanken zu „Kleine Menschenkunde – Kläger

  1. REPLY:
    verstehen kann ich es auch nicht, warum nichts tun und jammern auf die dauer so schön sein kann. (ist ja nicht so, das mich das nicht auch manchmal überfällt.)

  2. bravo zum text
    bravo zur beobachtungsgabe
    *ist immer schnell auf der flucht, wenn diese energieparasiten auftauchen*

  3. Schön beschrieben, diese Wichte.

    „Lerne klagen, ohne zu leiden“ nenne ich sie.
    Und ich bemitleide sie immer kräftig.
    „Dass du das aushältst, ist schon erstaunlich.“
    „Dass du trotzdem bei deiner Frau bleibst, obwohl sie säuft, zeugt von ganz starkem Charakter“
    „Dass du bei so hohem Fieber und diesen schweren Krankheiten hier noch stehen kannst, zeigt mir, wie groß deine Selbstbeherrschung ist. Andere in deiner Situation wären längst beim Amtsarzt und würden sich frühpensionieren lassen. Ich würde das bestimmt nicht schaffen.“

    Das irritiert sie so gewaltig. Ich bin ihnen so suspekt, dass sie mich meiden. Ich bin schon machmal eine Sau.

  4. Ich habe den Eindruck, dass die Leute schnell Ruhe geben würden, wenn echten Ärger hätten.

    Kann es sein, dass es viel zu vielen Menschen entsetzlich langweilig ist?

  5. Stimme aus vollem Herzen zu. Wobei ich mich immer wundere wie das eigentlich geht, wie das funktioniert, soviel Zufriedenheit aus dem Klagen zu ziehen, dass man es immer weiter tut. Mir macht diese Rolle nach einiger Zeit einfach keinen Spaß mehr. Sie nervt.

  6. Vielleicht sollte man sie in einen Raum mit den Anteilnehmer stecken, die müßten sich doch dann gegenseitig ausbluten, oder?

  7. Es gibt wirklich Leute, die sind verliebt in ihre Probleme. Vor Jahren ist es mir endlich aufgegangen, dass solche gar keine wirkliche Hilfe wollen/benötigen, sondern sie ihre Problemgebäude wie eine leuchtende Monstranz vor sich hertragen, die Aufmerksamkeit erwecken soll. Im allerschlimmsten Fall, dass man aus Versehen dabei hilft, eine ihrer Schwierigkeiten tatsächlich zu lösen, sind – zack – 2 neue Probleme da, die die Gesamtsituation gefühlt mindestens 5-mal verschlimmern.

    Es sind Fleisch gewordene Problemhydras, Meister des Zeitdiebstahls und der niemals endenden Frustration. Sie produzieren Probleme am laufenden Band, egal, in welcher sozialen Gruppe sie gerade sind, und sie werden niemals damit aufhören.

    Der einzige Selbstzeitschutz und Selbstfrustrationsschutz ist, erkannte Problemhydras auf Abstand zu halten oder sie, wie croco beschrieb, mit ungewollten Komplimenten zu verwirren und ihnen damit die auf Stunden angelegte Problemwälzerei zu vermasseln. Irgendwann wenden sie sich dann (natürlich enttäuscht) jemand anderem zu, der ihre Problemhingabe besser bedient.

  8. REPLY:
    …und ich werde es üben, ich schwöre! :)

    Diese Gedankenvampire kenne ich so gut…und ich falle immer wieder darauf herein, und suche fieberhaft nach Lösungen des Problemes, weil ich es bisher einfach nicht gerafft habe.

    Jammern, ohne zu leiden – das ist es. Das machne die. Und ich Depp leide mit und verstehe nix.

    DANKE, euch beiden :)

  9. Bisweilen bekommt man den Eindruck, mancher klagt gerade, um nichts ändern zu müssen.

  10. so sind sie… sie wollen das Problem, weil sie erst durch das Problem zu jemandem werden. Eine Lösung ist dementsprechend vernichtend.
    Ärgerlicherweise kommt es für mich immer auf das Gegenüber an, ob ich sage „geh weg, Troll“, oder ob ich zuhöre und nach Lösungen grüble.
    Auch das, werde ich irgendwann hinter mir lassen, eine Lösung für mich haben und gelernt haben :D

    Also sehr schön beobachtet, ich komm öfter vorbei!

  11. das männergespräch ist eindeutig zu langatmig geraten.

  12. REPLY:
    definitiv! ich glaube, daß klagen zeitvertreib und ablenkung von wesentlichen dingen ist.

  13. REPLY:
    also nach dem motto: „ich habe ein problem, also bin ich.“
    nicht schlecht.
    meister des zeitdiebstahls
    das gehört dick unterstrichen.

  14. REPLY:
    ich wäre gespannt, was passiert. tote gäbe es ohnehin. entweder weil sie sich schnell wegen unvereinbarkeit ihrer mentalen verdrängungsaktionen killen oder, weil sie sich eben ausbluten. übrigens ist das immer wieder ein lesenswerter text.

  15. REPLY:
    auf jeden fall. klage ist das ventil, das den kessel am explodieren hindert.

  16. REPLY:
    @croco ich fürchte, solche bewunderung klingt bei mir so ironiegesättigt, daß man es mir nicht abnimmt.

  17. REPLY:
    kommse, kommse. hier gehts nicht immer so analytisch-moralisch zu.

  18. REPLY:
    ein satz und zweimaliges einvernehmliches grunzen hätten gereicht oder? aber ich wollte, daß es auch frauen verstehen (das sind die langhaarigen dunnerschläge, die immer so viel reden).

  19. REPLY:
    ich denke, das männergespräch ist zu kurz geraten.
    die meisten, die ich kenne, die reden viel mehr und weitschweifiger als die frauen, die ich kenne.
    möglicherweise eine verzerrung…. aber die ein oder andere studie bestätigt, dass die plaudertaschen doch häufiger männer sind. allen unkenrufen zum trotz.

  20. REPLY:
    sehr schön! wobei auch ich männer kenne, die endlos reden können.
    für mich ist das endlose zutexten des gegenübers eine art chefsyndrom. wer redet, der führt.

  21. REPLY:
    zum letzten satz: danke! ich schreibe mich wahrscheinlich gerade von den begegnungen der letzten jahre frei.
    eine der grundlegenden entscheidungen, die ich getroffen habe ist die, daß ich nicht mehr dienste für das wohl anderer mitmenschen leisten will. ich bin gespannt, ob ich das hinkriege.

  22. REPLY:
    hier im pott ist das anders. vor dem 19. bier reichen einwortsätze, im prinzip aber auch nur einfaches grunzen in verschiedenen tonlagen [so chuck norris like]. nach dem 20. bier gibt’s dann aber kein halten mehr. allerdings wird auch deutlich gepfuscht. jeder zeite satz ist nämlich: „och, komm … eins nehmwer noch.“ und jeder zweitere satz ist irgendwas was man beim letzten mal schon erzählt hat …

  23. Eigentlich bezieht sich meine Antwort mehr noch auf Mr. Horror. Aber es geht ja generell um Menschen, um Mitmenschen, um Menschen, mit denen man zwangsläufig zu tun hat.
    Mit den Mitarbeitern komme ich gut aus, mit den Studenten ebenfalls. Da freue ich mich auch, wenn ich einmal oder zweimal im Jahr ganz andere, frische Gedanken aufnehmen kann.
    Einen Beruf zu haben, bei dem eine Beschäftigung mit Mr. Horror oder mit Klägern zum täglichen Brot gehört, wäre für mich undenkbar. Wahrscheinlich würde ich meinen eigenen Job verlieren, weil ich nicht ausreichend diplomatisch formulieren könnte.

    Die angestellten Betrachtungen hier schätze ich sehr.

  24. REPLY:
    @saba:
    Irgendwer hat mir mal gesagt, man soll immer fragen
    „Wem gehört das Problem? Dir oder dem anderen? Wenn es dem anderen gehört, mach es nicht zu deinem.“

    @kitty:
    Mein Vorteil ist, dass ich ein absolut naives Kindergesicht habe,
    und eine ganz harmlos klingende Stimme. Meine Ironie erkennen die wenigsten. Aber ich musste auch üben.
    Sonst wäre ich längst das Opfer meines Berufes und meiner Kollegen geworden.

  25. REPLY:
    Sie schaffen das :-)
    Sie müssten die Welt nicht retten.

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