Ja, nee is klar…

Zunächst erstmal sollte das Kind das Schulgebäude vorher sehen und einen guten Eindruck gewinnen – auch zum Beispiel von den Toiletten.
André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses heute im Tagesspiegel

Ich wußte damals: das ist die Schule, da kommen mittags immer die Großen raus, nachdem sie früh reingegangen sind und da ist viel Lärm, auch immer mal eine Keilerei und es sind keine Eltern dabei sondern Lehrer. Ich hatte einen Heidenbammel.
Hätten mir meine Eltern die Schule vorher gezeigt wie ein Hotelzimmer, hätten sie und ich ein Problem gehabt. Ich hätte nämlich garantiert gesagt: „Das find ich aber doof!“ (Denn alles, was mit mehr als 3 Kindern, dem Verlust der Selbstbestimmung und dem Fakt, mit anderen aufs Klo zu gehen zu tun hatte, fand ich doof.) Meine Eltern hätten dann gesagt: „Oh, naja, da können wir nichts machen, die Schulen sehen alle so aus. Da mußte durch.“
Also ein typischer Fall von Pseudodemokratie. Wenn mich meine Eltern mit der Maßgabe der größtmöglichen seelischen Unverletztheit hätten großziehen wollen, wäre ich eine Kandidatin für Privatunterricht in einer palastähnlichen Wohnung gewesen.

Und das mit den Schulklos… Die waren doch schon immer, zu jeder Zeit, ein Ort gleich neben der Hölle. Die Jungs schrien durch die Tür: „Ey, der André, die Sau, hat an die Decke gepißt!“ André brüllt stolz hinterher: „Dit schafft ihr nich, ihr Schlappies!“ Die Mädchen gehen allerhöchstens bis zum Spiegel, kämmen sich die Haare und grausen sich gemeinschaftlich ganz schrecklich, weil die Liane tatsächlich Pipi gegangen ist, obwohls da doch so stinkt und das Klopapapier wie immer alle ist.

Irgendwann behalten die Mütter in gesamtgesellschaftlicher Elternhysterie ihren Nachwuchs besser komplett im Bauch, denn das ist doch der behütetste Ort der Welt.

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13 Gedanken zu „Ja, nee is klar…

  1. Ich kann mich nur an zwei Toiletten meiner Schulzeit erinnern: Die eine war völlig verqualmt und in der anderen holte ich während der Abi-Klausur meine kleine Lernhilfe aus der Hosentasche.

  2. Anders als noch vor einigen Jahren besteht ja inzwischen eine echte Wahl zwischen verschiedenen Schulen und Konzepten. Allein fünf oder sechs Berliner Kinder, die ich kenne, werden gerade oder demnächst in private, sehr unterschiedliche Schulen eigeschult. Wie die Schulen aussehen, spielt da neben den Frühförderungsmöglichkeiten natürlich auch eine Rolle. Man kann das kritisch sehen, aber im Nachhinein beneide ich die Kinder ein bißchen – ich hätte auch gern meine Grundschulzeit so verbracht, ebenso, wie ich gern eine private Uni besucht hätte. Die Hamburger Uni, die privat mein Fach unterrichtet, sieht jedenfalls durchaus etwas properer aus, als meine staatliche, ist zudem angesehener und die anderen Studenten wirken nicht so filzig. Leider gab es damals noch nicht.

  3. REPLY:
    ja, ich habe bei meiner tochter auch dem privaten gymnasium den vorrang gegeben. als ich sie bei der staatlichen schule abmeldete, war das image der privatschulen noch extrem schlecht. 5 jahre später sah das ganz anders aus.
    der zitierte ratschlag wendet sich allerdings an eltern, die ihre kinder erst einmal in normalen grundschulen unterbringen wollen. auch da war ich damals wählereisch (was sich im nachhinein als ungünstige entscheidung erwiesen hat), aber letztlich habe ich die wahl getroffen. einer fünfjährigen habe ich kein mitspracherecht eingeräumt.
    ich denke bei solchen sachen immer an diese geschichte, die vor weihnachten in den zeitungen stand: die mutter in münchen, die bei frost ein nacktes kind auf dem fahrrad chauffierte und – von der polizei angehalten – die auskunft gab, ihr kind wollte sich nicht anziehen und im übrigen sei sie anwältin und das selbstbestimmungsrecht ihres kindes ginge über alles.
    wenn uferloses kindliches selbstbestimmungsrecht plötzlich mit dem erwachsenwerden endet, gibt es meist ein unangenehmes erwachen oder ewiges kindseinwollen.

  4. Die zitierte anwältin kann selbstbestimmungsfähig und -recht nicht auseinanderhalten.

    Die armen kleinen werden gerade in den rapide zahlenmäßig anwachsende alleinerziehenden haushalten gern doppelt überschätzt und überfordert: Als partnerersatz [was ja sogar schon in der alltagssprache durchscheint] und als verantwortliche für die glücksseligkeit der erziehenden mütter oder väter. Unterschätzt wird, meine ich, ihre anpassungsfähigkeit, ihr talent, konflikte zu bereinigen.

    Ich bin gespannt auf die ersten sozialen studien, die zeigen, wie das massenhafte alleinaufwachsen sich aufs erwachsenenleben und die werteskala der „betroffenen“ auswirken…

  5. Früher dachte man, Erziehung und Schule bereiten das Kind auf das Leben vor. Und da soll es auch lernen, was es vermutlich später mal braucht. Dazu gehört auch, mit Widrigkeiten zurecht zu kommen.
    Das hat sich geändert.
    Heute werden Kinder vor allem bewahrt.
    Sind wir gespannt auf die Erwachsenen, die aus ihnen werden.

  6. Jetzt, wo Sies erwähnen, werde ich mich hinkünftig von der Qualität der Toiletten in Ämtern und Behörden überzeugen, bevor ich Amtswege absolviere, bzw. die Behördengänge nur dann abwickeln, wenn die Toiletten konvenieren. So.

    PS: Wieder mal ein Buchtipp, und zwar
    „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ von Michael Winterhoff, erschienen im Gütersloher Verlagshaus.

  7. REPLY:
    der mann hat zwar eine recht radikale meinung, aber er spricht etwas aus, was vielen nur als diffuses gefühl im bauch rumgrummelt.

  8. REPLY:
    neurosenvermeidendende kinderaufzucht wird vor allem jede menge jugendliche neurotiker erzeugen.

  9. REPLY:
    durchsetzungsfähig scheinen mir nur wenige zu sein.
    durchsetzungsfähigkeit scheint mir ohnehin zum kritisch betrachteten unterschichtenphänomen verkommen zu sein. entweder man hat den adel von vornherein (richtige eltern, richtiger kindergarten, richtige schule) oder es wird schwierig.

  10. REPLY:
    das mit den toiletten sollte unbedingt zu verfolgen sein.
    meine meinung zu dem herrn hatte ich ja schon kundgetan. wichtig, daß es jemand ausspricht.
    (und ich erinnere mich gleich daran, daß letztes jahr während einer kirchlichen trauung eine mutter nach 20 minuten getränke und apfelschnitze aus einer tupperdose an ihre 4- und 6jährigen kinder austeilte.)

  11. REPLY:
    Radikal finde ich seine Meinung nicht – er unterscheidet lediglich sehr plausibel begründet zwischen drei verschiedenen Grundfehlern bzw. einem einzigen mit drei Abstufungen. An seiner Argumentation habe ich bis jetzt noch keinen Haken finden können; dass er nicht mit Samtpfötchen argumentiert, halte ich ihm angesichts der gesellschaftlichen Tragweite des Themas sogar zugute.

  12. ich hatte das große glück auf dem land aufzuwachsen. als ich eingeschult wurde waren wir vier kinder in einer klasse. das war privatester privatunterricht in einer öffentlichen schule. ich erinnere mich, das mal der fotograf in die schule kam um klassenfotos zu machen. leider waren zwei mitschüler krank, so waren wir zu zweit mit unserer klassenlehrerin. einer links, die andere rechts.
    das waren die vier schönsten jahre. glaub ich. ja doch. :)

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