Ist Sex wichtig?

Fragmente meinte irgendwann in einem Kommentar sehr ironisch, Sex würde überschätzt. Das ist ein Satz, den ich nicht zum ersten Mal zu hören bekomme. Auch Männer sagen ihn, zu meinem großen Erstaunen. Und er landet bei mir so nachhaltig, daß ich sofort ein „Ja aber….!“ dagegensetzen muß.
Seit ich relativ früh gestartet bin, strukturiert Begierde mein Leben. Von meiner Jugendliebe gefragt; „Würdest du mich verlassen, wenn ich impotent wäre, querschnittsgelähmt oder spastisch vor mich hinvegetieren würde?“, habe ich genau die entscheidende Sekunde mit der Antwort: „Natürlich nie!“ gezögert, um einen Riesenkrach zu bekommen. In dieser Sekunde schoß mir so allerhand durch den Kopf: oh gott, fiese frage +++ aber das geht doch nicht, sex machts doch aus, sonst wärst du mein bruder/onkel/kumpel/vater +++ wenn du dann noch willst, daß ich dir treu bin, kann ich mich gleich lebendig begraben lassen +++.
Sex ist eine spezielle Form von Kommunikation. Manchmal die einzige, in der Männer und Frauen sich verstehen (wie heißt es so schön: die einzige Stelle, wo Männer und Frauen zusammenpassen, ist in der Mitte) und für mich mit meinen Kontaktängsten eine Brücke zum anderen Menschen, wie ich sie mir sexlos nie aufbauen könnte. Wenn die Kommunikation dann eingespielt ist, kann man auch wieder reden und dann werde ich ruhiger. Viel Arbeit und das hormonelle Auf und Ab tun das ihre.
In den Zeiten, als ich eine schlimme Stoffwechselstörung hatte, die mir so was wie Wechseljahre in der zweiten Hälfte der Dreißiger bescherte, fand ich dieses ganze Balzen, Gurren, leichtgeschürzte Flatterkleider anziehen, verstohlen Bizepse begaffen schlicht abartig wie ein alte Jungfer.
Und, wie gesagt, entgegen der landläufigen Meinung, kannte ich auch Männer, die meinten, das ganze Hoppe-Hoppe sei nicht wichtig.
Der eine war zwar recht aktiv, leugnete aber schlichtweg, so was wie sexuelle Phantasien zu haben oder außerhalb des Moments, in dem es ihn „übermannte“, überhaupt nur daran zu denken. Ich verlor an diesem Aspekt der Beziehung mit ihm daher auch recht schnell das Interesse. Eine meiner Freundinnen, die er so nebenher auch mal beglückte, meinte zu mir, das wäre der schlechteste Sex gewesen, den sie je gehabt hätte. Was etwas heißen mag, denn die Gute hatte in ihrem Leben sehr viel schlechten Sex.
Der andere war mit Sicherheit homosexuell. Allein die Umstände seiner Herkunft und Jugend – Bauernjunge, der in den 50ern im katholischen Eichsfeld aufgewachsen war – hinderten ihn daran, so einen Gedanken überhaupt an sich heranzulassen. Er stand auf sehr knabenhafte Frauen, die dann aber auch auf keinen Fall zu aktiv sein durften und war froh, wenn er in Ruhe gelassen wurde.
Frauen sind in ihrer Abneigung gegen Sex offener. Es ist in gewisser Weise auch Bestandteil des Spiels: Eigentlich mag sie es nicht, aber mir zuliebe tut sie es bzw. nur ich kann den Funken in ihr entzünden.
Besagte Freundin berichtete an ihrem Küchentisch von wunderbaren Kuschelnächten. Ich saß stumm daneben und sagte zu mir: Kitty, du bist eine Sau! Halt jetzt bloß die Klappe und sag nicht, daß du so was grauenvoll öde finden würdest. Schäm dich lieber.
In die gleiche Kerbe hauten von Anfang an die kleinbürgerlichen Frauen aus dem mütterlichen Zweig der Familie. Die Qualiät eines Mannes wurde daran gemessen, ob er schweinische Witze erzählte. Männer wollten sowieso nur das eine und die Frauen, die es machten, waren Schlampen.
Das scherte mich alles herzlich wenig. Ich war sowieso hormonell ferngesteuert und hatte den Drang, mir auf diesem Weg die Geborgenheit und körperliche Aufmerksamkeit zu holen, die mir meine Familie nicht gab.
Ich lernte, zu genießen, Vorlieben zu entwickeln. Guter Sex ist für mich genauso wichtig wie guter Wein, hervorragendes Essen oder ein gutes Gespräch. Sexueller Umgang ist eine Form von Kultur. Genau so, wie man lernt, welches Besteck zu welcher Speise paßt und wie man ein Gespräch führt. Oder weiß, wann Zeit für Currywurst mit Pommes und hemmungsloses Herumblödeln ist. Natürlich verhindert die Angst viel. Sexualität ist ein Bereich, den gerade Frauen unter Kontrolle zu halten konditioniert sind. Triebhaftigkeit ist ebenso der Beginn grenzenloser, durch nichts kontrollierbarer Freiheit wie des gnadenlosen, mechanischen Stumpfsinns. Männer behindert eher Leistungsdruck, scheint mir. Groß genug? Ausdauernd genug? Oft genug? Bullshit. Ekstase kann mitunter im großen Zeh sitzen.
Das Alter macht mich ruhiger. Der hormonelle Strudel dreht sich langsamer, sein Sog ist schwächer geworden. Ich muß zugeben, ich habe Angst vor der Zeit der ruhigen Wasser. Wer bin ich dann? Fühle ich mich dann wie eine der Frauen, die ihrer verlorenen Schönheit nachtrauern? Oder ist es einfach nicht wichtig?

P.S. Aus gegebenem Anlaß. Meine Herren, wenn Sie jetzt den Impuls verspüren, mich diskret zu kontaktieren, weil sie das Gefühl haben „einer geht noch“, muß ich sie enttäuschen. Ich treibe es nur mit Leuten, die ich gut kenne. Und seit langem überhaupt nur mit einem. Unaufgefordert eingesandte Spatzlbilder werden mitsamt Begleittext und Mailadresse unverzüglich veröffentlicht.

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15 Gedanken zu „Ist Sex wichtig?

  1. @ kitty
    Was die Jungtürken und die Dissen anbelangt: … to be reported …

  2. Ich fürchte, all das Reflektieren und Selbstpositionieren zum Sex sind Reaktionen auf das Sex sells
    Ich fürchte (?!) das, weil das Thema allemal unterhaltend genug ist und ich einerseits großen Spaß am Quatschen über Sex und am Sex selbst habe…
    Das Überdimensionieren aber macht die Verhältnisse kaputt…

  3. REPLY:
    ja. nein. jein. exklusivität ist in meiner kleinen mülltonne oberstes gebot. aber mit verpflichtung habe ich meine liebe not…

  4. und der satz:“ kitty, du bist eine sau!“ sagt mir, es gibt noch andere frauen die normal sind…und ich bin beruhigt!

  5. Diskussion vor langer Zeit wegen des bevorzugten Frauentyps.

    der erste: blond
    der zweite: brünett
    der dritte: lieb
    usw usw

    Ich freue mich, daß ich meinem damaligen Ideal treu geblieben bin: autonom, emanzipiert, streitlustig, versaut.

  6. *lach*

    ich finde mich in einigen Sätzen wieder. Und solange man Spaß daran hat … ;o)

  7. Edit.
    Ach: Es besteht natürlich keinerlei Zusammenhang zwischen der Abwesenheit des Liebhabers und den Elegien über den Sex?!

  8. hihi, wenn die herren wüssten, welchen weg ihre gonaden quer durch die republik per mail zur belustigung schon genommen haben…wären sie vermutlich auch noch stolz.

    sex ist eine (sehr intime) form der kommunikation, ein glück wenn man diese ebene eingehen kann und darf. was mich stört ist das recht, dass viele für sich darauf ableiten. gibt nämlich de facto keines.

  9. REPLY:
    hüm. touché, aber nicht ganz. das ist der moment, wo frau zeit hat, sich darum gedanken zu machen.
    es ist jetzt nicht so, daß ich anfange, über die türkischen jungmänner in meiner rückwärtigen straße herzufallen bzw. üblebeleumdete tanzschuppen frequentiere.

  10. REPLY:
    natürlich gibt es kein recht. sollten aber zwei leute exklusivität verabredet haben, übernimmt man da schon eine verpflichtung. oder?

  11. immer wieder schön, zu merken, daß es auf der welt noch ähnliche aliens wie mich gibt!

  12. sex ist für mich das fundament einer beziehung. ich finde sex so wichtig wie essen und atmen. und vom grundsatz her in etwa genauso spektakulär. das hat natürlich auch etwas mit dem eigenen alter zu tun, wo das ganze einfach mit wesentlich mehr selbstbewußtsein und lässigkeit bereichert ist. ich habe keine ahnung, warum das in vielen köpfen so ein problembehaftetes thema ist, aber ich denke die mediale allgegenwärtigkeit und überhöhung des themas trägt sicherlich dazu bei. und die moralvorstellungen die zu großen teilen nach wie vor in der gesellschaft verankert sind. zu einem anderen grundproblem [erst verlieben dann in die kiste …] habe ich mir schon mal gedanken gemacht, und ich denke, auch da liegt einiges im argen.

    aber fernab von „problemen“ im umgang mit sex ist das sicher auch eine mentalitätsfrage. wenn frau beim essen gehen den ganzen abend an einem mit wasser gewürzten salatblatt nagt, ist irgendwie schon klar, wie interessant das im bett werden könnte, weil da einfach einen denkerin vor einem sitzt. und denken gehört irgendwie garnicht zum thema. mit anderen worten: die kunst des genießens – und zwar in allen lebensbereichen – ist unabdingbare voraussetzung für ein erfülltes sexualleben. so gesehen würde ich mir bei einer theoretischen jagd eher ein modell mit leichten speckröllchen aussuchen. die hungerhippen sind wie gesagt entweder mental belastet – oder, noch schlimmer – betrachten das ganze als sport. und das thema höher weiter schneller hat man dann doch irgendwann über. statt platter mechanik stehe ich dann doch eher auf subtiles. wobei ich ohnehin eher die these vertrete, daß sex mit einem langjährigen partner – im idealfall – der eindeutig „beste“ ist.

    ein weiteres ding ist sicherlich geben und nehmen. ich finde auch in einer partnerschaft [und sei sie nur für einen nacht] gehört der dienstleistungsgedanke eindeutig dazu. und zwar in beide richtungen. funktioniert aber sicherlich auch erst am besten, wenn man sich gut kennt.

    so. irgendwie habe ich keine linie rein bekommen. deswegen ende ich mal ansatzlos mit einem meiner lieblingssätze, den ich vor einigen jahren mal in einem internetforum gelesen habe.

    „suche kleine drecksau mit niveau.“

    ich finde, besser kann man es nicht auf den punkt bringen …

  13. Ich kann mich leider nur am Rande rechtfertigen, weil ich gleich auf Reisen gehe. Nur soviel: als ich schrieb Sex wird überschätzt, da waren aber die Ironietags on, baby. Trauben, die zu hoch hängen, sind immer sauer.
    Sex als mechanisches rein-raus-Spiel wird tatsächlich überschätzt. Aber Sex, hinter dem ein ehrliches Begehren und damit ein ehrliches Annehmen des Gegenübers steht, ist durch nichts zu ersetzen. Sex kann noch etwas anders: die Menschen in ihrer Identität als Mann bzw. Frau zu bestätigen.
    Das ist es, was ich vielleicht am meisten vermisse.

  14. REPLY:
    mist, tut mir leid, ich wollte mit meinem aufhänger in keinen fettnapf treten. und schon garnicht verletzend sein. ich setze jetzt mal da oben die fehlenden ironietags.
    und was die trauben betrifft… kommunikation ist eine sache zwischen sender und empfänger. mir kam die erkenntnis, daß ich mich mal wieder in den niederungen des lebens suhle. aber das ist mein film im kopf.

  15. REPLY:
    Schon verstanden.

    Warum fehlt mir die Gelassenheit, über „ehrliches Begehren“ einfach drüberwegzulesen?

Kommentare sind geschlossen.