Dorfnotizen 7

So, heute ist der erste Tag, an dem es ernst wird mit dem Haushüten. Aber vorher kam ein dichtes Wochenende.
Der Graf brachte am Freitagsabend aus Berlin einen umwerfend schönen Rosenstrauß mit und wir knudelten uns nächtens auf der 1,20 m-Schlafstatt zusammen. Ich schlief wie ein Baby. War also klar, was und wer mir fehlte.
Am Samstag machten wir einen langen Spaziergang an des Grafen Lieblingsstrand. Die Natur bot alles auf, was sie um diese Zeit drauf hatte: Niedrig segelnde Wölkchen, Sonne und ein Sonnenuntergang mit Pauken und Trompeten.
Und wir stolperten über Geschichte. Ich wußte nicht, was Cap Arcona bedeutete. Jetzt weiß ich es und es ist sehr erschütternd.

Am Sonntag regnete es und wir hingen einfach nur so rum, während Primavera an Entwürfen für die Badvorhänge tüftelte. (Hier wird nicht nur ein Vorhang genäht. Hier wird angewandte Kunst gemacht!) Außerdem musste sie für eine Woche Winterurlaub packen.
Ach so, nein, ich hing nicht rum. Ich nähte ein weiteres Muster. Hatte ich mich doch beim ersten vollkommen idiotisch verrechnet und vorher auch noch in der Größe verschätzt  -was 16×16 cm werden sollte, wurde 14×14 cm – Kategorie  „allerliebst, aber schlimmer als Flöhe hüten“. Was dann rauskam, wurde von meinen beiden Fachmenschen abgemustert und für gut befunden, nun kann die Produktion endlich losgehen.

Der Graf fuhr wieder nach Berlin zurück und setzte uns am nächsten Bahnhof ab. Wir zockelten mit der Ferkeltaxe nach Lübeck, wurden dort vom Donnerstagsbesuch abgeholt und nach Wahlstedt chauffiert. Wir waren zu einem Folkkonzert eingeladen.
Auf der Autobahn hatte ich einen Flashback. 1997, ich war ins Theater Wahlstedt eingeladen, mir einen Schauspieler anzusehen. Wie ich es damals oft tat, fuhr ich nach Feierabend los und nachts zurück, um morgens wieder auf der Matte zu stehen, um dem Kindlein das Schulbrot zu schmieren. In den Vor-Navi-Zeiten hatte ich nur eine Anfahrtsbeschreibung aus Hamburg und fuhr ziemlich weit nach Hamburg rein und dann fluchend 20% der Strecke zurück Richtung Berlin. Ich kam zu spät („Ich war soo nervös, weil ich dachte, du kommst nicht!“ – „Maaann! Ich war doch 2/3 der Vorstellung da!“) und der Schauspieler war grundlegend schlecht, ich konnte es ihm nur nicht deutlich genug sagen, weil ich ihn privat gut kannte und mehr oder weniger Schuld für seine Berufswahl trug – aber das ist eine andere Geschichte.
Nun aber Cara. Schöne Musik, die mochte ich Elektromusik-Kind. Obwohl ich so gar keine Freundin von Deutschen bin, die fremdländische Musik machen und so tun als wäre es ihre musikalische Tradition. Mir ist immer lieber, wenn Menschen historisch-musikalisch vor der eigenen Tür kehren. Deutsche, die Irish Folk machen, das ist genauso wie Japaner, die hingebungsvoll-unverständlich das Heideröslein singen. Kann mir da jemand folgen?
Aber: In der Band spielen zwei virtuose Menschen, die zumindest auf den britischen Inseln beheimatet sind und die schottische Dame hat eine wunderschöne Stimme. Zweites Aber, denn meine Recherche bestätigte, was meine unmusikalischen Ohren in den Eigenkompositionen an Crossover zu hören glaubten: Da gab es mal ein Projekt namens Deitsch. Der Markt ist wahrscheinlich recht schmal dafür. Schade.
Dann gab es noch die Chance auf einen Backstage-Besuch, was aber nicht so meins ist, dafür bin ich zu soziophob und anschließend noch ein Essen mit den Musikern. Sehr sympathische Profis.
Mitten in der Nacht waren wir zurück, der Donnerstagsbesuch fuhr am Morgen nach Stuttgart weiter und setzte Primavera in Weimar ab, von wo aus es nach Tirol weitergehen würde.

So, nun bin ich hier allein vier Katzen und einer Landschaft ausgeliefert, aber so schlimm ist das gar nicht. Sogar der graue Kater hat seine Skepsis fallen lassen. Zugegeben, da spielte ein Endchen Wurst eine Rolle.
Überhaupt. Weg ist meine Katzenallergie zwar nicht – die Miezen streicheln und dann ins Auge fassen, wäre übel – aber scheinbar herrscht Waffenstillstand. Auch die Neurodermitis, die mir im Winter die Kopfhaut malträtiert, ist kaum vorhanden und meine Gesichtshaut macht auch nicht mehr einen auf Rosacea. Das sagt ziemlich viel über die Qualität der Berliner Luft aus, denn in im Riesengebirge geht es mir ähnlich.

Heute leistete ich mir erst einmal den Luxus, Wäsche draußen in der Vorfrühlingsfrische aufzuhängen. Außerdem drehte ich alle Heizungen runter, mein Naturneopren dämmt ganz gut, 22 Grad Raumtemperatur reichen. Dann machte ich mir ein Erfolgserlebnis-Kissen aus einem verworfenen Muster und Reststücken. Irgendwie musste ich das Gefühl haben, hier geht was voran:
Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen Erfolgserlebnis-Kissen
Nun knistert Holz im Kamin und wärmt die Küche, es gab Bratkartoffeln mit Spiegelei und ich bin schon wieder mal heftig müde. Das neue Kissen ruft, es will meinen Kopf beim Lesen im Bett stützen.

PS: Frau Indica, ich fürchte, es wird wieder gummistrumpffarben!

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3 Gedanken zu „Dorfnotizen 7

  1. Wow, wunderschönes Kissen! Und sowas entsteht bei Dir mal eben nebenbei aus Resten & „Abfall“ ?!

    • Ja, mehr oder weniger. Das Quadrat mit dem Stern ist eine verworfene Arbeitsprobe und die Streifen sind mit falschen Maßen zugeschnitten.

  2. Ich finde, auf diesen Fotos sieht das aber sehr elegant bronzefarben aus. Aber es kann natürlich sein, dass Sie ihre leberwurstfarbenen Stoffe nur per geschickter Fototechnik ummodeln … Wenn das so bleibt wie auf dem Foto, bin ich unbesorgt!

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