Die Nadel im Heuhaufen

Wenn zwei Menschen beschließen, eine Lösung für ihre partnerschaftslogistischen Probleme zu finden, dann wird es kompliziert.
Die Interberlin-Connection verbringt einen gut Teil der Zeit auf der Straße entlang des Landwehrkanals.
Die Käsefrau beim Rogacki weiß schon, daß sie eine Tüte „Kreuzberg“ und eine „Charlottenburg“ packen muß. In letztere kommt auf jeden Fall ein Stück alter Holländer, in erstere Comté und in beide ein halbes Pfund Butter. Auch die Wurstfrau weiß: hier die Aalrauchwurst und der Schwarzwälder Schinken, da die Pfälzer Leberwurst und der Prager Schinken.
Nicht zu vermeiden ist, daß wir zunächst die eine Tüte leerfuttern und uns Gedanken machen, wie es wohl den im anderen Kühlschank verbliebenen Lebensmitteln ergehen mag. Vor ein paar Tagen frisch gekaufte Milch ist natürlich sauer, Obst hat Haare, Joghurt schmeckt nach Käse. Ganz zu schweigen von zweimal gewendeten Unterhosen, über Nacht gelüfteten Socken und peinvollen Stunden, in denen man im Abenddress vormittags auf dem Markt herumstiefelt.
Der Gedanke, den Improvisationen ein Ende zu machen, liegt nahe. Vor allem mir und meinem Nestbautrieb. HeMan ist not so amused. Denn er hat lange allein gelebt und sein Gesamtkunstwerk Wohnung mit einer Frau zu teilen, die einfach die Möbel an der Wand langstellt, die Geschirrspülmaschine nach dem Start noch mal öffnet, um vergessenes hineinzustellen und auch sonst gern mal was liegen läßt, das ist ihm etwas unheimlich.
Nach ein paar Besichtigungen (im Groben hatten wir uns schon darauf geeinigt, daß Prenzlauer Berg ausfällt), haben wir uns tatsächlich klargemacht, was das bedeutet. In Quadratmeter und Euro. Versehen mit Essentials wie Aufzug, Gästeklo, separaten Büros und Balkon/resp. Terrasse. Zuzüglich Wünschen wie: mattes Parkett (kein Laminat oder Industrieparkett!!!), Badewanne und Dusche, genügend Platz für einen 3,50-Kleiderschrank, einen Riesenkühlschrank, die Küchenwerkbank und die Monsterstereoanlage.
So langsam bekommt man einen Blick für die Maklerfotos. Ein Raum fünfmal aus verschiedenen Perpektiven fotografiert? – Ein verbautes Monstrum von Dachgeschoß mit v-förmiger zulaufender Küche, die jeden Feng-Shui-Experten in die Anstalt treiben würde.
Wir haben lieblose Dachgeschoßausbauten gesehen, die noch aus Mauernzeiten stammen. Eine Villenetage im Grunewald hatte die Atmosphäre von sozialem Wohnungsbau in Neukölln – jeder Raum hatte einen anderen Fußboden, abgerackerte Raufaser zierte die Wand, im Bad hingen einzementierte Bauhaus-Marmorfliesen. Das dunkle, heruntergekommene Treppenhaus wurde von einem Treppenlift verengt. Die Nachbarn waren sicher längst tot oder kurz davor. Eine „architektonisch interessante“ Wohnung in Mitte hatte die Badewanne im Schlafzimmer machen wir uns nichts vor, sie hat in das enge Bad nicht mehr reingepaßt. Ein wunderschönes, nagelneues Stadthaus war gepflastert mit den billigen und improvisierten Innenausbauten von Mietern, die nicht einmal eingezogen waren.
Und die einzige Wohnung, die wir beide sofort genommen hätten, hatte ein Büro zuwenig.
Es bleibt also spannend.

Auch das noch:

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9 Gedanken zu „Die Nadel im Heuhaufen

  1. REPLY:
    es ist ja heutzutage fast exotisch und erklärungsbedürftig, das zu tun. vor allem, wenn geldersparnis oder kindererziehung nicht mehr das thema sind.
    also wagen wir es. halten sie mir die daumen.

  2. REPLY:
    ja, eldenaer, fehrbelliner str., da passiert mächtig was. die einheiten in der eldenaer sind zu klein (max. 120 qm) und die fehrbelliner ist was größenwahnsinniges. quadratmeterpereise von 5.000 €.

  3. reschpekt! ich würde mich swas wohl nie trauen…

  4. REPLY:
    Viel Platz gleich in der Planung ist ein gutes Element dafür, dass es funktionieren kann; wir leben seit > 30 jahren beieinander und haben immer versucht zu realsieren, dass jeder sein Plätzchen hat…

  5. Jo. Regionalbeziehungen zu beenden ist ähnlich schwierig, zumal sich die kleine Stadt weit, weit weg nicht gerade durch wirklich attraktiven Wohnraum auszeichnet. Vielleicht doch lieber Polen…?

  6. REPLY:
    noch schlimmer. verwohnte löcher, die von jahrzehntelanger überbelegung völlig verkommen sind.
    wenn die kleine stadt ffo heißt, da gibts ein paar sehr schöne ecken…

  7. REPLY:
    naja, ich hab ja immer nach dem motto gelebt: no risk, no fun. hab ja auch genügend auf die fresse bekommen dafür. aber auch sehr viel schönes erlebt.

  8. Das klingt nach Loftbedarf?!
    Solche werden z. B. gerade an der Eldenaer Straße fertiggeloftet… Wir fahren da zum Einkaufen immer vorüber… Brachegegend mit Entwicklungspotential…

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