Die Lawine wird kleiner

In den letzten Wochen kamen mir die Versäumnisse der letzten Monate mit geballter Kraft entgegen. Lange Zeit dachte ich: wird schon irgendwie gehen. Dann ein falscher Schritt, ein Husten und ein Steinchen kullerte, schlug andere los und das Poltern und Krachen läßt gerade langsam nach.
Heute gibt es noch ein Telefonat, von dem ich hoffe, daß es das letzte dieser Art ist. Ich mache mittlerweile mit mir selbst die Roßkur. Keine Ausreden mehr. Die Wahrheit: Ich weiß es nicht, ich habe vergessen, ob ich es erledigt habe oder nicht. Nein, ich habe keinen schriftlichen Nachweis. Ich werde versuchen, den Schaden zu heilen, zu ersetzen, was geht. Nicht hinbiegen mit: das hätte sowieso nicht geklappt, die anderen sind schuld, sondern: ich habs verbockt und stehe dafür gerade.

Vor ein paar Tagen habe ich mit jemandem über meine Ausfälle der letzten Monaten geredet. Ich war kaum in der Lage, eine korrekte Rechnung zu schreiben, von allem anderen ganz zu schweigen. Mir fiel einfach alles aus dem Hirn, war nur noch Darstellerin meiner selbst und hoffte, daß es niemand merkt. Ich mußte mich fragen lassen, warum ich nichts gesagt hätte. Ich hätte sagen sollen: Ich kann nicht mehr! Ich brauche Hilfe! ?! Das ist ein schwieriges Pflaster.

edit: Vor allem, wenn man, wie ich, die Befürchtung hat, daß einen dann alle unverständig ansehen und sagen, daß das nicht ginge, daß ich doch immer funktioniert hätte. Oder aber mir Schwäche und/oder Faulheit unterstellt würde.

Auch das noch:

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19 Gedanken zu „Die Lawine wird kleiner

  1. …wir suchen das wort burnout-syndrom und sie soll mal leute bitten, die das studiert haben, ihr da rauszuhelfen; über das hinaus freilch, was sie selbst fertigbringen kann.

    Good luck.
    Wirklich.

  2. REPLY:
    ja, ich weiß. zumindest mittlerweile weiß ichs auch und ich merke, wie schwer es ist, allein dort rauszukommen. ich sammele grade die hilfe…

  3. das ist die seuche derer, die sonst alles – wirklich alles – geschafft bekommen. wenn man an die eigene grenze gerät, sie überschreitet, und es selber nicht ganz mitbekommt. vor ein paar wochen drohten bei mir auch die privaten und beruflichen wellen über dem kopf zusammen zu schlagen. das ergebnis des drohenden untergangs war, dass ich immer langsamer wurde, weil man überwiegend damit beschäftigt ist zu sortieren, was man nicht macht, weil es einfach nicht geht – und was man unbedingt machen muß. das bekommt dann schnell etwas eigendynamisches. und fühlt sich überhaupt nicht gut an …

  4. REPLY:
    nee, wirklich nicht. ich habe heute mal überschlagen, daß ich seit einem jahr immer mehr zeit für immer weniger aufgaben brauche und zuletzt gut 80% meiner energie darauf verwendet habe, diesen zustand zu verdecken…

  5. Die Freundin von mir, die aufgrund ihrer Brustkrebserkrankung von hier auf jetzt in die Menopause entsandt wurde, beklagt gerade massiven Konzentrationsmangel. Ich wollte ihr das mit Folgen der Narkose erklären, ihre Ärztin erklärte ihr indes neulich, dass sei der Östrogenmangel. Vermutlich ist es beides, plus der fehlende Urlaub, das Ganze und überhaupt.

    Verdammt, liebe Frau kittykoma, ein Woche wegfahren reicht da einfach nicht.

  6. REPLY:
    bei mir war es monatelang ungekehrt: ich hatte den östrogenspiegel einer schwangeren. und dann gabs irgendwann den kipper als diese zyste platzte. achterbahnfahren ist nicht gut.

  7. REPLY:
    ein satz, den ich mir kürzlich hinter den spiegel gesteckt habe ist: ich prüfe, o b die erwartungen, die andere an mich formulieren mit dem übereinstimmen, was ich leisten kann. der kindergarten, auf den ich aufpasse kennt nämlich keine grenzen.

  8. ich glaube es ist einfach zeit langsamer zu werden. es geht mir merkwürdigerweise genauso, und das „ich kann nicht mehr“ wird einfach nicht angenommen. du bist so stark! ich kotze! urlaub hatte ich nicht, aber ich habe heute ganz fest bei einer psychotherapeutin anrufen wollen. vielleicht ist jemand der einem wenigstens glaubt, man könne nicht mehr, schon eine hilfe. und man muss es einfach nicht, alles können.
    und der aufwand alles perfekt erscheinen zu lassen ist grauenvoll, hält uns aber auch aufrecht. wenn man damit aufhört kann es sein dass man dann kippt. und dann nicht so schnell *du bist so stark!* hochkommt.
    verbockt hat man gar nix.
    etwas langsamer. tempowechsel. vermutlich hast du recht. nach 30 jahren mit 250 auf der autobahn darf es jetzt landstrasse mit 80 sein. mir fehlt das tempo, ich hätte aber auch nicht mehr fahren können.

  9. REPLY:
    … oh, das böse u-wort! meinen letzten urlaub länger als eine woche hatte ich … 2000. kommt das irgendwem bekannt vor?!

  10. Letzter Urlaub länger als eine Woche war Inter-Rail, 1987…

    Die Erwartungen anderer sind vielleicht am Anfang das Problem. Das ist mir schon länger egal, im Gegenteil, man kann sich irgendwann sogar etwas auf den eigenen Charme einbilden, mit unendlichen Verspätungen durchzukommen.

    Mir geht es im Moment nur darum, daß ich kaum etwas fertig kriege, und wenn, dann in sprunghaften Einzelaktionen. Die vergeudete Lebenszeit ärgert mich. Wenn eh nichts läuft, könnte ich wenigstens tun was mir Spaß macht. Es macht aber nichts Spaß, weil ich in jeder freien Minute nur dran denke, was dringendst erledigt werden müßte.

    Die Erkenntnis, daß es nicht an einem „jetzt aber mal los“ fehlt war auch nicht ganz einfach.

    Vor zehn Jahren hatte ich alles hingeschmissen und etwas völlig anderes angefangen. Das ist am Anfang wie Urlaub, löst aber das Problem nicht. Ich bin ja immer noch der gleiche…

  11. REPLY:
    sie haben doch schon die richtige telefonnummer!

  12. ein großer fehler, der mir sehr bekannt vorkommt, ist auch, vorauszusetzen, zu wissen, was die anderen so erwarten und sich vorstellen. das spiegelt nur die eigenen erwartungen und vorstellungen, die sowieso meistens zu hoch angesetzt sind bei menschen wie ihnen und mir.
    mit viel weniger energie läßt sich ganz einfach klären, was die anderen erwarten, und was man bereit ist, zu geben.
    ich fahre damit bestens, und die hauptbefürchtung, man möge/schätze/respektiere mich dann nicht mehr, ist nicht eingetreten, ganz im gegenteil sogar, der respekt ist gewachsen.

  13. REPLY:
    „Kindergarten“-Satz fährt mir in die Knochen, denn ich hatte bis vor nicht allzu langer Zeit das selbe Problem. Für mich ist dieser Aspekt einer der Hauptpunkte – beispielsweise bei den eigenen Eltern dolmetschen zu müssen, hat meine Reserven aufgebraucht, schneller, als der Akku durch viele andere positive Begegnungen und Begebenheiten wieder aufgeladen werden konnte. „Moderne Vampire“ hat unlängst in meinen Kommentaren jemand diese Art Menschen genannt. Man muss sich von der Illusion trennen, dass der Begriff „Familie“ positiv belegt zu sein hat; vor mittlerweile etlichen Jahren hat Faith Popcorn den Begriff „Clanning“ (i.e. das Entstehen von durch gemeinsame Interessen und Sympathien geprägte Gruppen, sozusagen Wahlfamilien) geprägt und prognostiziert, dass dies die gesellschaftliche Zukunft werden wird. Ich bin dabei, denn „Blut ist dicker als Wasser“ ist eine der idiotischsten Aussagen, die ich kenne.

    btw: Einen Buchtipp hätt ich noch, nämlich „Das Burnout-Syndrom“ von Matthias Burisch, erschienen im Springer-Verlag. Nicht immer ganz leicht zu lesen, jedoch nicht zuletzt aufgrund der detaillierten Beschreibung äußerst aufschlussreich.

  14. REPLY:
    frau walküre, ihr tipp letztens war schon sehr gut. ich höre gern auf menschen, die ähnliches schon erlebt haben.
    wenn ich jetzt gerade nach und nach wieder ordnung in mein leben bringe, freue ich mich wieder auf meine freunde, denn auch da war ich lange abgetaucht.

  15. REPLY:
    das mit dem etwas langsamer passiert irgendwann automatisch, aber da steht das kind schon auf dem rand vom brunnen, balanciert auf einem bein und lacht dich an.
    das verrückte ist, daß man – vor allem als selbstständige(r) und/oder familienvorstand – im grunde einen lebensumbau bei laufendem betrieb vornehmen muß. denn wenn man erst mal arbeitsunfähig körperlich oder seelisch krank ist, ist es zu spät.
    das ist wie bei jemandem, der hoch verschuldet ist und durch sein tägliches leben immer neue löcher reißt. eine insolvenzerklärung, die ermöglicht, mit gläubigern zu diskutieren, ob die schuldsumme nicht verringert werden kann, fixe kosten verkleinern, große ausgaben zurückstellen, notwendiges zurückzahlen. so ungefähr stelle ich mir das auch mit der energiebilanz vor.

    @timan: vor drei jahren habe ich fast 5 wochen urlaub gemacht, was aber bei mir heißt, daß ich lediglich zwischen dem 24. dezember und dem 2. januar nicht ansprechbar sein muß. sonst muß ich gespräche und mails entgegennehmen und entscheiden, welche priorität eine sache hat. und da ist es oft so, daß mir vor dem stapel graust, der sich im neuen jahr angesammelt hat oder bestimmte dinge so unerfreulich sind, daß sie mir ohnehin den tag versauen und ich reagiere, weil ich sie vom tisch haben will.
    aber nach meine rückkehr aus fuerte konnte ich wieder in zusammenhängenden sätzen sprechen und lachen, das war schon mal was. wenn es auch nicht lange vorhielt – was wiederum ein zeichen sit, daß an anderer stelle was im argen lag.

  16. REPLY:
    ich glaube, wenn man einen job hat, der einem so sehr liegt, daß man sehr erfolgreich ist, wenn man sich mit ihm extrem identifiziert oder wenn man etwas tut, das stark von der eigenen persönlickeit geprägt ist, dann ist das zugleich ein großer fluch und ein segen.
    mittlerweile halte ich innere trennwände, schotts, die bei gefahr hochgefahren werden, für nötig. und ausgleich, jede menge ausgleich. freunde, partner, hobbies, sport. rausgehen. aus der branche, aus der sozialen schicht. für die oma nebenan einkaufen, arabischen grundschülern bei den hausaufgaben helfen, gartenarbeit, was auch immer…
    verzögerungen kann ich leider nicht mit charme präsentieren. ich kann nur sehen, daß ich mir nicht zu viel und vor allem das richtige aufhalsen lasse. selbst aktiv werden, statt auf der flucht vor den anforderungen anderer zu werden, das hilft vielleicht auch, auf der nächsten genesungsstufe.

  17. äh ja, das letzte länger als drei tage war vor äh… fünf jahren, eher sechs, und zwei wochen fuerte. herrlich, da kann man absolut NIX machen. sand. wasser. essen. dat hätte ich heute gerne. einen tag am strand. nur mit wem? mann A oder mann B? oder doch lieber alleine? und mit laptop/arbeit oder ohne? … jaja, und bei der psych otante habe ich noch nicht angerufen. ich arbeite stattdessen. habe gehört es hilft ;-)

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