Die Bonnies und Clydes von früher

So, jetzt habe ich das Klassentreffen hinter mir. Es gibt ja Leute, die finden das ganz furchtbar und wollen nicht hin. Ich bin aber immer sehr neugierig, wie es den anderen so geht und wo sie so gelandet sind.
Also, es gibt scheinbar immer noch keine Toten, aber ein paar Unauffindbare. Einer ist seit 5 Jahren schwer krank. Zwei, drei Leute haben sich um die Gesundheit gefressen/geraucht/gesoffen und sehen Jahre älter aus.
Graue Haare und ein paar Kilo mehr sind an der Tagesordnung und es hat bei allen mittlerweile ein gepflegter bürgerlicher Wohlstandslook Einzug gehalten, der zeigt, daß Ost und West außerlich kaum noch zu unterscheiden sind, beim zweiten Blick vielleicht an der Größe der Häuser und Autos und der beruflichen Position und Kinderanzahl der Frauen.

Mittlerweile sind fast alle geschieden, selbst die aufrechten Ehesoldaten aus der Provinz, die wegen Haus und Nachzüglerkind noch vor 5 Jahren von glücklicher Ehe redeten. Der Grund? Er wird ein wenig mit „da kam nichts mehr und dafür bin ich zu jung“ umschrieben, aber ist immer auf einen Nenner zu bringen: Die Männer störte es, daß es so gut wie keinen Sex mehr gab.
Aber selbst die Midlife-Crisis läuft gepflegt ab. Es gibt keine Harley-Selbstverwirklicher, niemand hat eine 25jährige Blondine als Miss Next auserkoren und die Damen sind fernab von esoterischen Schrulligkeiten. Und man darf nicht vergessen, die meisten hatten ihre Silberhochzeit schon hinter sich und sind Eltern erwachsener Kinder.

Der absolute Hammer wurde mir sofort am Anfang mitgeteilt. Mit der Ansage: „Kitty, komm mal her, weißt du schon das Neueste? SIE SIND NICHT MEHR ZUSAMMEN!“, nahm man mich beiseite.
Dafür muß ich etwas ausholen. Ich kam als nerdiges dickes Etwas aufs Gymnasium und bekam des coolsten Typen des Jahrgangs ab. Weil er nicht wußte, daß er der coolste Typ war, sicherlich, sondern fürchterlich mit seiner eigenen Nerdigkeit (Verhaltensforschung bei Libellen!) und seiner narzisstischen Mutter beschäftigt war. Wir waren drei Jahre das unzertrennliche Klassenstufenpaar, er war meine sehr prägende Jugendliebe und ich die seine. (Kurze Zeit nach unserem Kennenlernen war ich auch kein kleines dickes Etwas mehr.) Nach drei Jahren hatte wir dann eine Krise (ich sagte: das kann doch nicht alles gewesen sein, trotz Sex). Ein paar Monate vorher war ein weiteres dickes Mädchen in die Klasse gekommen und nach kurzer Zeit war sie meine beste Freundin. Nach einer halblangen Zeit nicht mehr, weil sie mir meinen Kerl ausgespannt hatte, der eine ganze Zeit nicht so richtig wußte, was er nun machen sollte, aber sie hat ihn gut in die Spur gebracht. (Inklusive Ansage: „Wenn du dich für Kitty entscheidest, erzähle ich allen, was du für ein fieses Schwein bist!“) Monatelange tiefe, dramatische Krise mitten im Abi, schlechtes Timing.
Die beiden haben mit 19 geheiratet und bald darauf ein Kind bekommen, es hatte auch viel Gutes. Sie konnte ihm wesentlich mehr Aufmerksamkeit geben als ich, die ich meine eigenen Dinge hatte und er konnte seiner Mutter gut einen reinwürgen, die die junge Dame als absolut unstandesgemäß betrachtete.
Daß diese Ehe nicht mehr so viel Bestand haben würde, ahnte ich schon vor 5 Jahren*, als wir länger mit einander sprachen. Ein Jahr nach dieser Unterhaltung war es dann so weit. Eine neue Kollegin tauchte auf und er war hin und weg. Zog aus dem Haus aus und mit der Neuen zusammen und ließ Frau und Schwiegereltern dort. Meine ehemals beste Freundin hatte nun die Gelegenheit, allen zu verkünden, was meine Jugendliebe für ein fieses Schwein sei und die Neue eine Nutte obendrein. Sie tat sich mit dem verlassenen Ehemann der Nutte zusammen und heiratete ihn kurz darauf – klarer Fall von pragmatischem Partnertausch.
Einen Prolog gab es noch in Sachen Haus. Er wohnt wieder dort und die Ex und ihre Eltern mußten sich eine neue Bleibe suchen. Grund genug, nun nicht mehr miteinander zu sprechen und sich beim Klassentreffen in der jeweils entfernte Ecke des Raumes aufzuhalten. Und ich? Kann meine Schadenfreude nicht verhehlen, auch wenn es mich Karmapunkte kostet.

*Erschütternd zu lesen, daß ich schon damals von Burnout sprach (nämlich von dem aus dem Jahr 2001) und bald darauf die nächste Stufe zünden würde. Ich bin so was von merkbefreit.

Auch das noch:

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3 Gedanken zu „Die Bonnies und Clydes von früher

  1. Pingback: Results for week beginning 2012-06-04 « Iron Blogger Berlin

  2. Als ich beim früheren Eintrag von „Burnout“ las, tauchte in meinem Gehirn ein großes Fragezeichen auf. Nach Ihrer Fußnote war es wieder weg …

    Klassentreffen meide ich mittlerweile, ohne dass persönliche Animositäten als Ursache vorhanden wären; eine Art innere Stimme hält mich davon ab, und ich folge ihr gerne, zumal ich für ein solches Treffen in die oberösterreichische Pampa fahren müsste, was meine Restmotivation schlagartig unter 0 sinken lässt.

    • Nun ist die Anreise zu unserem Klassentreffen auch einfach. Anderthalb Stunden Autobahn, nachts sogar nur eine Stunde zurück, das macht man mal eben.

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