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So langsam komme ich wieder aus der Winterhöhle. Es wird warm, die Vögel werden hektisch, die Sonne ist schon verdammt kräftig. Ich steige aus dem Wolkenkuckucksheim an der Barnimkate runter in Splitt und verschmierte Hundescheiße (die übrigens weniger wird in den letzten Jahren, habe ich das Gefühl) und stolpere kurzatmig durch die Straßen.
Gestern wurde das Sparschwein vom Iron Blogger vertrunken. Seeehr sympatische Menschen und ich Soziophobikerin fühlte mich wohl inmitten von ihnen.
Heute traf ich zum ersten Mal nach 10 Jahren eine Schulfreundin, die eigentlich die ganze Zeit fast in Reichweite in Berlin einen Paralleljob gemacht hat und doch sind wir uns nie über den Weg gelaufen, außer auf Klassentreffen. Wir saßen ein paar Stunden im Kuchenkaiser in Kreuzberg und brachten uns auf den neuesten Stand. Beide mit großer Kurve im Beruf, beide nach viel Arbeit und Streß jetzt mit Kurs auf ruhigere Fahrwasser – ich bin gespannt auf das Klassentreffen, das wohl dieses Jahr stattfinden wird. Vor 5 Jahren hatten viele böse Scheidungen vor und hinter sich. Nun wird wahrscheinlich der Job auf den Prüfstand gestellt…

Es ist jetzt anderthalb Jahre her, daß ich die Agentur geschlossen habe. Ein für mich in den Dreißigern unvorstellbarer Vorgang. He, das war mein Baby, Lebensgrundlage und -inhalt, finanzierte Privatgymnasium, Sportwagen, Klamotten, Lebensgenuß und fütterte den Burnout, bis er mich fressen wollte.
Dann hing ich erst einmal lange in den Seilen. Immer wenn ich wieder zu arbeiten begann, ereilite mich ein Rückfall, wieder war ich wochenlang kaum belastbar.
Jetzt, nach zwei Jahren ausruhen, kreisen und kreiseln schält sich das neue Berufsbild endgültig heraus.
Programmieren können andere besser als ich, der Graf oder Frau Gedankengebäude, dafür texte ich sehr gut und Konzepte entwickeln kann ich auch. Vor allem, wenn es darum geht, einen Menschen und seine Aufgaben auf die Bühne des Lebens zu stellen. Und dann kam das vorbei, was ohnehin am nächsten lag.
Schließlich stehen 15 Jahre Karriereberatung und -begleitung in meiner Berufsbiografie. Der Unternehmensberater, den ich vor drei Jahren konsultierte, fragt mich auch, wie es denn wäre mit Coaching. Und ich wehrte mich mit Händen und Füßen: Bitte nicht noch ein Coach, das braucht kein Mensch.
Offensichtlich doch, denn die Jobs kommen zu mir. Ich blühe auf, wenn ich mich mit einem Menschen hinsetze und einen Berufsweg analysiere, schaue, wie jemand “funktioniert”, wo er hinpaßt, was ihn ungebremst und hingebungsvoll tätig sein läßt. Wir suchen nach Rezeptorenpunkten – wer sucht und braucht so jemanden? Befragen Träume auf ihren Realitätsgehalt und verabschieden alte Profilneurosen. Wir schauen, wie ein Mensch wahrgenommen wird. Projektionsfläche? One Hit Wonder am falschen Platz? Der ewig Unterschätzte? Der Bergsteiger? Wir verabreden einen Plan und bei der Ausführung bin ich dann gern noch dabei: Bewerbungen gegenlesen, Stellenangebote anschauen, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Immer mal einen Impuls geben, in Richtungen zu gehen, die vielleicht nicht so offensichtlich sind. Die Bewerbungsstrategie strukturieren. Erst bei den Unwichtigen vorsprechen zum Üben und Feld sondieren. Dann die Ziele fokussieren und los…

Und und und.

Da Ärzte sich nicht selbst behandeln können und auch nicht die geduldigsten Patienten sind, muß ich mir selbst bescheinigen, daß ich das Nächstliegende erst einmal ingnoriert und mich selbst nicht gerade effizient beraten habe. Aber es wird. Manchmal muß man noch eine Runde drehen.

Vor ein paar Stunden:

@kittykoma says:
@holgi @nsemak Musiker wollen von ihrer Arbeit leben. Das ist erstmal legitim. Wer sagt, daß der selbstausbeutende Künstler der bessere ist?

@holgi says:
@kittykoma Wer sagt, dass die Arbeit, von der der Musiker leben will, etwas anderes sein soll, als die unmittelbare Aufführung?

@kittykoma says:
@holgi Das ist als würdest du nur noch bezahlte Handwerksarbeit akzeptieren keine Industrieware. Kutsche statt Auto.

@holgi says:
@kittykoma Heute haben wir Internet zur Verbreitung. Da wird also auch nichts zurück gebombt, sondern es passiert Fortschritt.

@kittykoma says:
@holgi ok., das akzeptiere ich. Des ist ja auch unwidersprochen, daß das Erlösmodell der GEMA unzeitgemäß ist.

@holgi says:
@kittykoma Ich glaube sogar, dass die Erlöserwartung der Kulturschaffenden unzeitgemäß ist. Vermutlich sogar unzeitgemäß hoch.

@kittykoma says:
@holgi das ist nachdenkenswert.

Das läßt mir keine Ruhe. Denn schließlich würde das bedeuten, daß der Künstler – im Gegensatz zu Ingenieuren und anderen Erfindern und Ideenlieferanten – auf das Recht der bezahlten industriellen Nutzung seines Produkts verzichtet. Er hat also Handwerker zu bleiben in der Zeit technischer Reproduzierbarkeit. Logische Folge: seine Handwerksarbeit wird unmäßig teuer und der Anspruch an die Qualität seiner Arbeit extrem hoch.
(Hier auf der Barnimkante streikt immer mal die Gastherme. Der Handwerker, der kommt, hat einen sehr hohen Stundensatz. So hoch, daß man irgendwann die Rechnung aufmachen kann, daß sich der Kauf eine neuen Industrieproduktes Therme sich eher lohnt, als die ewigen, “wir tauschen heute mal dieses Teil für 150 € aus und schauen, obs klappt, wenn nicht, komme ich wieder”-Aktionen.)
Handwerkarbeit hat Nachteile. Wenn ich 100 € für eine Konzertkarte bezahle und der/die Künstler sind blöd drauf, harmonieren nicht mit dem Publikum, haben grade andere Probleme oder sind aber einfach über den Zenith ihrer Schaffenskraft hinaus (siehe Whitney Huston) und nicht das erhalte, was ich eigentlich vom Künsteler erwarte, dann habe ich als Kunstkonsument ein Problem. Für einen Künstler würde das bedeuten, so er flüchtige, nichtgegenständliche Kunst produziert, daß seine Werke einem extremen Verfall unterliegen.
Gerade das Problem, daß die Kunst von Schauspielern, Sängern und Musikern bis an die Schwelle der industriellen Moderne nicht kopiert und erhalten werden konnte, würden wir damit wieder bekommen. Ist die Ilias des Homer weniger “wert”, weil wir ihn das nicht mehr vortragen hören? Oder sollten die Homers der Neuzeit sich mit Kost und Logis als Lohn zufriedengeben, wie einst der Urvater?

Doch halt! Es ist noch komplizierter. Der Urheber des Werkes ist derjenige, der das Werk fixiert, existent macht. Der Komponist mit Noten, der Texter/Autor mit Worten, der Fotograf/Kameramann/Maler mit Bildern. Der Begriff Urheberrecht ist also ganz eng mit der Technologie von Aufzeichung und Archivierung verbunden. Das muß nicht unbedingt der Mensch sein, der das Werk zur Aufführung bringt. Der Sänger/Musiker/Schauspieler erbringt oft nur eine Leistung unter Nutzung des Werkes.
Sollten nur noch Werkerschaffer, die ihr Werk selbst in Echtzeit zur Aufführung bringen als bezahlenswert erachtet werden? Das wäre ein Rückfall in die orale Kultur und der Beginn eines absurden Geniekultes, der dem allgemeinen Trend komplett zuwiederläuft.

Heute haben sich drei Dinge maßgeblich verändert:
1. Das Erzeugen und Verbreiten von künstlerischen Werken ist so einfach wie nie.
2. Das Kopieren und Verarbeiten derselben ebenfalls.
3. Das Überprüfen, ob die Kopie eines Werkes genutzt und verbreitet wird, mittlerweile auch.

Ich glaube nicht, daß die Erlöserwartung der Kulturschaffenden unzeitgemäß ist. Schließlich haben wir alle hohe Erlöserwartungen, egal welchen Beruf wir ausüben. In den letzten 30 Jahren konnten zwar extrem viele Künstler plötzlich von ihrem Schaffen leben*, diese Blase wird platzen, das ist klar, aber Armut ist nicht unbedingt notwendiges Künstlerschicksal.
Die Verwertungsindustrie (Verlage, Plattenlabel, Filmproduzenten) hatten in den letzten 150 jahren mächtige und gut funktionierende Erlösmodelle entwickelt, von denen die Erzeuger der Kunst hervorragend profitierten, weshalb sie sich auch gerne von der Verwertungsindustrie abhängig machten. Diese bewährten Erlösmodelle funktionieren mit dem Internet nicht mehr. Denn weder der Kunstproduzent noch der Kunstkonsument sind nun auf die herkömmliche Tätigkeit der Verwertungsindustrie angewiesen.
Da liegt meines Ermessens nach das Problem. Der industrielle Overhead, der sich um die künstlerische Produktion gebildet hat, knirscht und kracht grade in allen Fugen.** Da er als hochpräsenter glamouröser Wirtschaftsfaktor gilt und künstlerische/kreative Werke unser gesamtes Leben “tapezieren”, bekommt dieser Prozeß große Aufmerksamkeit. (Wer schrieb das? Der Umsatz der Bestatterindustrie ist wesentlich höher als der der Musikbranche.) Im Grunde hat die Verwertungsindustrie verdammt gute Lobbyisten. Die lieber mit Macht Technologien ignorieren und bremsen, als sich Gedanken zu machen. Es gilt, angemessene Erlösmodelle zu entwickeln.
Nicht der Besitz, sondern die Nutzung einer Kopie muß kostenpflichtig werden. Kostenpflichtig womöglich im Rahmen einer Pauschale oder im Mikropaymentbereich.
Jenseits des Geniewerkes ist ein riesiger Nutzungsbereich für kreative Kleinproduktion. Siehe Stockfotos. Warum selber schlecht fotografieren oder Fotos klauen, wenn Fotomotive für ein geringes Entgelt unaufwändig beschafft und genutzt werden können? Die Zukunft künstlerischer Alltagsproduktion wird in solchen Kreativdatenbanken liegen. Und Künstler, die von ihren Werken leben wollen, sollten sich schleunigst kundig machen, wo heute ihr Platz in den Creative Industries ist und demnäcst sein wird. Und alle Künstler sollten sehr darauf achten, daß in diesem Umbruch ihre Interessen zum tragen kommen, daß sie einen bestimmenden Platz im neuen Erlösmodell haben und nicht nur melkende Kuh sind.
Ein Gebilde wie die GEMA war vor Zeiten einmal eine wirksame Interessenvertretung. Man erinnere sich, der Anfang lag bei Komponisten, die sich darüber ärgerten, daß Caféhauspianisten ihre Schlager nachspielten, ohne daß sie etwas davon hatten. Sie hätten auch erwirken können, daß nur Komponisten ihre Schlager spielen dürfen und Nachspielen verboten ist. Statt dessen wurde die Nutzung der Kopie der Komposition kostenpflichtig. Im Mikropaymentbereich. Die Industrie, die nachfolgend darüber wucherte, wird zusammenbrechen. Das Schaffen begabter Menschen bleibt.

*es gibt dazu eine Statistik, Autoren betreffend, die ich aber auf die Schnelle nicht finde
**eine Parallele findet sich in der Autoindustrie, auch die industriellen Konzepte, aus Mobilität Erlös zu ziehen, funktionieren nicht mehr