This is how I work

Isabella Donnerhall hat ein Stöckchen geworfen, nicht an mich, aber ich finde es spannend zu lesen, wie andere arbeiten und mich selbst zu beschreiben.
(Zum besseren Verständnis, ich setze manchmal noch einen Kommentar zu meiner Job-Arbeitsweise darunter, die ist ganz anders als das Schreiben im Blog.)

Miz Kitty’s Tagebuch war schon immer ein klassisches Befindlichkeitsblog (früher sogar ungeoutet und hochgradig anonym), garniert mit Ausflügen in Gesellschaftsanalyse und Kunst- besser Kulturkritik. Mit mir selbst bin ich nun mal geschlagen, da kann ich nichts ändern, das ist mein Leben. Manchmal gibt es Ausflüge in das, was ich “Miz Kitty’s Flying Matriarchal Circus” nenne: Kochrezepte, Haushaltstipps, neuerdings wieder Näharbeiten.
Was die analytischen Dinge betrifft: Ich äußere mich zu bestimmten Themen auch, wenn ich nicht mit dem Strom schwimme. Das mag gerade beim Thema Feminismus mitunter stören, Frauen sind untereinander eher konsenshungrig. Aber mir ist das egal. Ich weiß, dass ich da etwas zu sagen habe. Das hat nichts mit Mangel an Solidarität, sondern mit anderem Blickwinkel auf bestimmte Dinge zu tun und einer Menge sozialer Erfahrung, einer gänzlich anderen als eine Menge anderer Frauen, die sich dazu äußern.
In der Kunst- und Kulturkritik mag ich die die Spitze und Pointe, die aber halbwegs auf Kenntnis und Bildungsinstrumentarium beruht.

Digitale Gerätschaften:
Ein fast 5 Jahre altes iPhone 2G, dessen Akku unkaputtbar ist, auf dem kaum noch Apps laufen und eines der ersten iPads (beide mit Minimal-Speicherplatz) und ein MacBook 13”, im Büro steht ein Cinema-Display mit Bluetooth-Tastatur und Magic Mouse.
Analoge Gerätschaften:
Berge von Kladden, die überall rumfliegen. Entweder Clairefontaine mit Linien oder Restbestände von Uromas alten Kontorbüchern (A5), dazu Bleistifte HB und ein Metall-Lamy mit breiter Spitze und dunkelblauer Dokumententinte (der zarte Pelikan-Stresemann mit Goldfeder, den ich vor ein paar Jahren geschenkt bekam, ist leider eine unbrauchbare Zicke). In die Kladden schreibe ich Jobnotizen und Synopsen und Figurenporträts. Also meine ungeschrieben Romane. Für seltene, besonders kreative Anfälle gibt es das A4-Künstlerbuch aus Aquarelllkarton, das mir das Kind schenkte, da zeichne ich mit Feder und Japantusche Storyboards hinein. Meine ungedrehten Filme.
(Interessant, wie ich gerade merke, daß meine fiktionalen Versuche – als Arbeit kann man das nicht ernst nehmen – für die analogen Gerätschaften reserviert sind.)
Für meine Jobnotizen gibt es außer den Kladden große, weiße A1-Bögen, von denen in einer Beratungsstunde 2-3 nebeneinander liegen. Auf die Bögen kommen große Mindmaps, die mit dicken Filzstiften in klaren Grundfarben geschrieben und gezeichnet werden.
Arbeitsweise:
Beim Schreiben: Flow. Wie beim Surfen, die meiste Zeit vergeht beim Warten auf die Welle.
Beim Beraten: Absolut fokussiert, das ist wie gemeinsame Meditation.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?

Mein Blog läuft nach Textpattern und Twoday seit zwei Jahren auf WordPress. Ich mache seit 1997 meine Firmenhomepages selbst (zuletzt sogar dynamisch, mit selbstgestrickten php-Skripts), da macht ein Blog den Kohl auch nicht mehr fett. Die Twoday-Jahre dienten vor allem der Synergie und waren außerdem dem Umstand geschuldet, dass mein Englisch lausig ist. Ich habe die Movable Type- und WordPress-Tutorials auf Englisch einfach nicht verstanden.

Aber mein allerwichtigstes Tool ist mein Hirn. Da sausen Faktenfetzen durch die Gegend und sortieren sich unter den richtigen Einflüssen, das ist wie mit Interferenzmustern.
Ich recherchiere selten gezielt. Ich googele durch die Gegend oder nutze die Twitterlinks der anderen. Dadurch, dass ich sehr schnell lese, grase ich im Internet wie eine Kuh, da ist ein leckeres Büschel und dort ein duftender Halm und schon bin ich in einer neuen Ecke gelandet und muss mich erstmal zum Mental-Wiederkäuen hinsetzen. (Entschuldigt bitte diese peinlichen, schrägen Bilder!)
Das Angelesene brodelt in mir, formt ein Thema und irgendwann will es raus, da muss ich auch den richtigen Moment abpassen. Manchmal benutze ich Stimulanzien: Formuliere Headlines, Subtexte oder Fragen, um dem Prozess einen zeitlichen Rahmen zu geben, manchmal kommt der Kick auch von außen, durch eine Deadline oder einen aktuellen Diskurs.
Deshalb schreibe ich auch keine Entwürfe. Ein Text muss raus. Was im Entwurf hängen bleibt, ist ein totgeborenes Kind. Manchmal, wenn der Text zu lang ist (so wie heute) unterbreche ich für eine Nacht. Aber nur, wenn ich einen Plan habe, wo der Text enden wird. Ohne klares Ende setze ich ich mittlerweile eigentlich garnicht mehr hin. Früher sind mir die Texte immer so im Sande verlaufen. Mittlerweile definiere ich den Opener, das Leitmotiv, den Diskurs-Bogen und das Finale.
Daher habe ich auch keine Bookmarkverwaltung und könnte auch nie Linklisten posten wie andere. Manchmal maile ich mir etwas Wichtiges oder schiebe es in Instapaper (was aber bei mir die Garantie ist, daß ich es nicht lese). Ich habe ein paar wenige Bookmarks, praktische Sachen, die ich brauche oder schön finde, Seiten mit websicheren Farben und Hexcodes z.B., ein schöner Kleidschnitt, tolle Schuhe (also alles visuelle Sachen). Schrift und Sprache muß in meinem Kopf gespeichert sein.

Vorträge mache ich mit Powerpoint. Mir ist einfach egal, mit welchem Programm die Bildchen und Stichpunkte arrangiert werden, Hauptsache sie entsprechen dem Look, der mir vorschwebt. (Da hilft mir der Graf.) Ich spreche ohnehin frei und habe mit den Folien nur meine Leuchttürme, an denen ich entlang segele. Ich komme vom Theater. Ich brauche kein Rednerpult oder nur als Requisit, sondern ich habe eine Bühne und ein Publikum, das ich auf eine Reise mitnehmen will.

In den Beratungen lasse ich den Menschen auf mich wirken: Was mir erzählt wird, was ich notiere, dazu Stimme, Körpersprache etc und in mir entsteht ein Bild. Manchmal sind das ein paar Worte, manchmal ein Satz, die das Charakteristische eines Lebenslaufes beschreiben. Ich nenne das den Luziden Moment, den muss ich einfangen. Das passiert sehr früh und darauf baue ich dann alles andere auf und differenziere es.
Dazu gibt es ein paar Persönlichkeitstypen- und Kommunikationssystem-Tools, die eher im Hintergrund laufen, denn ich arbeite nicht mit Fragebögen.

Wo sammelst du deine Blogideen?

Die laufen mir zu, einen anderen Teil diktiert mir meine Eitelkeit. Die Hälfte vergesse ich, dann waren sie nicht so wichtig, manche kommen zurück und machen mich penetrant auf sich aufmerksam. Ich schreibe über das, was für mich dran ist. Deshalb habe ich auch keinen Entwurfsspeicher. In den Artikelentwürfen liegt ein einziger, begonnener Artikel zum Thema Religion. Den habe ich zu Ostern begonnen, als die Wessis in meiner Timeline ihre kollektiven Karfreitagsverhöhnungsritale begingen. Vielleicht ist der nächstes Jahr dran.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick/Shortcut fürs Bloggen/im Internet

Im 10-Finger-System tippen. Ich bin aber zu faul, das zu lernen, da ich mit 6 Fingern schon ganz flott schreibe. Ansonsten der Feedreader, dringend, unbedingt und Tweetbot, weil ich da auch mal Sachen ausblenden kann, die nerven.
Ich bin in meiner gesamten Freizeit mit dem iPad zugange, das ist mittlerweile meine Hirn/Welt-Schnittstelle, damit lese ich alles. Geschrieben wird auf dem MacBook.
Und ansonsten: Internet und Zeit sparen? Wer kommt denn auf so eine Idee? Ich lese kaum noch Papier und sehe seltenst fern, da hat ein Verdrängungsprozeß stattgefunden.

Ich bin generell nicht so für Zeit sparen. Effizienz aus Erfahrung ist etwas Gutes, weil sich Vorgänge und Erkenntnisse automatisiert haben. Aber Zeitsparen aus Zeitgeist oder Protestantismus (“Bei allem, was du tust, schau, daß du es effizienter gestalten kannst!”) ist gar nicht mehr meins. Ich hatte Jahre das Gefühl, von meinem Job gehetzt zu werden. Eigentlich hat er mich (also ich mich) fast zu Tode gejagt. Alles was Bedeutung hat, braucht seine Zeit und nimmt sie sich sogar. Was noch nicht reif ist, kommt noch mal in den mentalen Brutkasten. Statt Prokrastination benutze ich mittlerweile lieber das Wort Inkubationszeit.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche

To Do-Listen mache ich mir nur in hektischen Zeiten, wenn ich viel hintereinander abarbeiten muss, das nicht viel mit mir und meiner eigentlichen Arbeit zu tun hat.
Die sind dann die klassischen Zettel. Entweder Post its, an auffällige Stellen geklebt oder Listen, die abgehakt oder durchgestrichen und täglich auf neue Listen übertragen werden.
Aber: I hate it!
Das sind völlig entfremdete Blöcke von “Ok., bringen wir es hinter uns!” und damit verbundenem Gefühl von Heldenmut. Ich bin nicht unbedingt dafür, nach dem Lustprinzip zu arbeiten, da würde meine Steuer nie fertig. Aber in bestimmten Arbeitsbereichen lege ich auf kreatives Chaos großen Wert. Das hält mich offen. Durchgeplante Dinge sind für mich tot, bevor sie angefangen haben. (Großer Unterschied zum Grafen, der alles vom Ende denkt. Das knallt auch oft.) Ich habe eine Idee und eine Menge im Kopf, checke ein paar Grundbedingungen und fange an. Das dauert dann, weil es trial an error ist. Aber wenn ich es einmal in mich rein gelassen habe, kann ich es die weiteren Male.
Ein Unternehmensberater hatte mir mal dringend nahegelegt, dass ich meine Arbeit minutiös durchplanen müsste. Er hatte schon recht, weil sich dann für mich Freizeit und Arbeit besser trennen würden. (Ich habe damit keine Erfahrung weil ich früher im Job immer Feuerwehr gespielt habe, geplante Sachen waren nur frühmorgens und abends möglich.) Aber ich bin nicht dafür gemacht. Meine Arbeit sollte sich doch weitestgehend nach mir richten.

In den Beratungen gibt es ein festes Ritual, das ist wie eine Messe lesen.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät ohne das du nicht leben kannst?

Ich telefoniere nur noch, wenn es unbedingt nötig ist. In meinen Anfängen in der Filmbranche habe ich 70-100 Telefonate täglich geführt (später wich die Kommunikation auf Mail aus und alle kriegten einen Depri, weil das Telefon nicht mehr ständig klingelte, weil das ja Zeichen von gut laufendem Geschäft war). Ich bin perfekt in Kundengesprächen, aber es nervt und zieht Energie.

Ein Smartphone ist für mich nicht mehr wegzudenken, auch wenn ich es nicht zum Telefonieren nutze. Ansonsten? Mein Leatherman. Eine Kaffeemaschine. Und ein Eckchen, das nur mir gehört. Ich brauche ein festes Revier. Ein Sessel, einen Bürostuhl.
On the fly zu arbeiten, ist gar nicht meins. Deshalb wären Reisejobs auch nichts für mich.
Wenn ich unterwegs bin, dann bin ich Kartenfetischstin. Entweder digital oder analog. Früher hatte ich zum Trampen eine auf dünnen Nylonstoff gedruckte Generalstabskarte dabei. (die noch immer in einer Kiste liegt, nun aber eher historischen Wert hat) Auch alte Wanderführer liebe ich sehr. Aber nur mit Übersichtskarten. Ich muß drauf schauen können. (das gilt auch generell für alle andere Arbeit, ich brauche die Distanz für die Übersicht)

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere?

Mich mit Steilvorlagen, kühnen Schlußfolgerungen und Statements blamieren vielleicht? Meine Mischung aus großem Auftritt, Furchtlosigkeit und Ignoranzpotenial ist vielleicht nicht so ganz frauentypisch. Das ist zwar nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal aber eine Art Markenzeichen, denke ich. (und es ist von Hasenherzigkeit und Skrupeln im kleinen Kämmerlein gesund konterkariert)
Ich bin analytische Denkerin und nicht sooo kreativ wie ich gern wäre. Wenn ich dem Raum gebe, kann ich Sachen, die andere nicht so gut können.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?

Nichts. Ich war noch nie Freundin von Musikteppichen. Dazu ist mir Musik zu wichtig und ich bin nicht multitaskingfähig genug. Manchmal benutze ich sie als Inspiration, beim freien Schreiben auf Papier, beim Malen und Nachdenken und ich denke nach beim Kochen, Nähen und Putzen, also höre ich dabei oft Musik, Techno, Rock, Klassik. Vollkommen eklektisch, Hauptsache dramatisch-emotional.
Außerdem habe ich das Gefühl, daß ich meinen Partner mit meiner Musik stören könnte. Deshalb läuft Musik vor allem, wenn ich allein bin und ich mir ausgiebig meinen Raum nehme, den ich ansonsten nur im Kopf habe.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Nachtigall?

Definitiv Eule. Ich werde gegen 8 oder 9 Uhr wach und brauche ewig zum Starten. Wenn ich dann warm bin, gehen kreative und kopfintensive Sachen am besten von 16-22 Uhr (+/- 1 Stunde). Morgens mache ich am besten blöde, entfremdete Dinge.
Mittlerweile mache ich ganz gern ein Nachmittagsschläfchen, denn mein Kern-Arbeitspensum ist gesundheitsbedingt immer noch niedrig und bei drei Stunden am Tag.
Ich weiß nicht, ob das noch mal anders wird.

Eher introvertiert oder extrovertiert?

Introvertiert. Allein oder mit jemand Vertrautem zu zweit sein spendet mir Kraft. Viele Menschen und Kontakt kosten mich Kraft.
Wenn ich allerdings vor allem Sender bin, auf einem Podium zu Beispiel oder vor einem Auditorium oder meine Position und Gewolltheit geklärt ist, ich also niemanden kommunikativ “erobern” muss, bin ich recht gesellig. Aber danach muss ich mich dringend ausruhen, manchmal klappe ich ganz unvermittelt zusammen.
Die meiste Kraft bekomme ich, wenn ich allein in weiter Landschaft bin und ein Hüttchen für mich habe. Ich bin also die klassische Einsiedlerin.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?

Das lassen wir mal aus, denn s.o. ich bin introvertiert und hätte das Gefühl jemanden damit zu belästigen.

Der beste Rat den du je bekommen hast?

“Du bereust, was du nicht getan hast.”

Noch irgendwas wichtiges?

*räusper* Sex ist wichtig. Sehr sogar. Das vergisst frau bei allen Verstricktheiten ganz schnell.

Mittlerweile gibt es sehr viele Blogposts zum Thema, die Isabella hier sammelt.

Offener Brief

Das gestrige Thema lässt mir keine Ruhe. Ich habe der Frauenbeauftragten der Alice-Salomon-Hochschule einen Offenen Brief geschrieben:

Sehr geehrte Frau Dr. Tegeler,

 

gestern war ich als Gast auf der Exmatrikulationsfeier anwesend, meine Tochter war unter den Absolventinnen.

Die Preisverleihung auf für Verdienste um die Hochschule und hervorragende Bachelorarbeiten lässt mich sehr ratlos zurück.

Wieso sind bei geschätzen 80% studierenden Frauen mehr als die Hälfte der Preisträger Männer? Und das in einer äußerlichen Atmosphäre, die sehr viel Wert auf Genderpolitik und Gleichstellung legt (Gendersprache, Gendertoiletten, explizite Frauenförderung in vielen Angeboten). Wo allein vom Frauenanteil her hervorragenden Leistungen von Frauen keine Steine im Weg liegen (keine sichtlichen männlichen Seilschaften, kein patriarchaler Überbau, keine männliche Dominanz). Eigentlich könnte es doch umgekehrt sein. Es könnte ein Ereignis sein, wen ein Mann mal einen Preis erringt.

Es geht  mir nicht darum, nach noch einer Quote zu fragen. Ich beschäftige mich berufshalber auch mit den Themen Female Leadership, Frauen und Exzellenz und Frauenkarrieren. Fassadenkosmetik bringt die Frauen, mit denen ich arbeite, nicht weiter. Im Gegenteil. Ehrlich gesagt, lässt es mich extrem ratlos zurück, wenn nicht einmal unter so günstigen Bedingungen Frauen als exzellent bewertete Leistungen erbringen. – Was sich letztlich in der prozentualen Aufteilung der Preise niederschlägt. (Ich gehe nicht davon aus, dass dieser Jahrgang eine Ausnahme bildete, das wäre wohl der Erwähnung wert gewesen.)

Ich kann die Frage nur an Sie weitergeben und vielleicht auch an die Redaktion der hauseigenen Gender-Zeitschrift Quer: Woran liegt das?

 

Ich erlaube mir, die Mail an Sie als Offenen Brief auf meinem Blog http://kittykoma.de zu veröffentlichen, denn hier habe ich gestern bereits über das Thema geschrieben. (http://wp.me/p1WAOQ-263)

 

Mit freundlichen Grüssen

 

 

Jana Kunath

Update – Post aus Bielefeld

Post aus Bielefeld
Man beachte übrigens das Datum. Gestern abgeschickt. Entweder war das des Grafen Anruf oder unser Twitter-Rant hinterher oder einfach der Gang der Dinge in Ostwestfalen.
Also morgen dann Amthocken in Mitte. Früh dort auflaufen zwecks Wartenummernvergabe, Thermoskanne und Zeitung in der Aktentasche. Man wird berichten.

15 – Warten auf Post aus Bielefeld

Der Graf und ich haben eine schwerwiegende amtliche Handlung vor. Was wir in unserer Blauäugigkeit nicht bedacht hatten, war, dass auch Ämter das so schwerwiegend behandeln. Ein Wust von Papieren ist nötig, selbst wenn wir in dänische Ämter ausweichen.
Ich, da ich mehr Belege meiner bürgerlichen Existenz brauche, habe mir das alles in den letzten Wochen zusammengesucht. Die Ämter lieferten prompt. Das Amt Scharmützelsee brauchte zwei Tage, das Amt im Oderkaff drei. Dann saß ich eine Stunde in Westend aufm Bürgeramt (das einzige, das in Berlin so schnell einen Termin frei hatte), schaute auf Monitore, auf denen Zahlenketten erschienen, beruhigte alte Herrschaften, die tatsächlich noch bar zahlen wollten (was hier nicht mehr geht) und hatte dann auch die richtigen Zettel mit dem richtigen Stempel in der Hand.
Gültig zu dem Zweck, zu dem wir sie verwenden wollten, 14 Tage.
Das Amt in Bielefeld aber, dass des Grafen tatsächliche Existenz bescheinigen soll, ist der Slacker in der ganzen Angelegenheit. Schwierige Sache, wo viele doch schon glauben, dass nicht einmal Bielefeld existiert.
Nach mehr als 10 Tagen Wartens rief er gestern an, wann denn die Post käme. Nun ja, sagte man, wenn sie nicht schon da sei, würde sie vor Ostern auch nicht mehr rausgeschickt. Man hätte Personalprobleme. Er könne aber gern selber vorbei kommen. Das war der Moment, wo uns die Witze, ob denn Faxe vom Mars so lange dauern, im Halse stecken blieben.
Denn es gibt ja noch einen präfinalen Amtsakt im Rathaus Mitte. Dort vergibt man keine Termine und weist schon auf der Website darauf hin, dass man nur so viel Wartemarken ausgäbe, wie man abarbeiten könne. Den wiederum kann man nur wahrnehmen, wenn Bielefeld die Datenübertragung aus dem Orbit erfolgreich abgeschlossen hat.
Das Amt in Mitte kann dann nach Sichtung der vollständigen Papiere den Bescheid, dass alles ok. ist, an das andere Berliner Amt sogar elektronisch weitergeben (woa!) damit wir endlich, endlich den finalen Termin, den wir schon mal vorsichtig abgekaspert hatten, buchen können.
Aber: Bis dahin ist dann der Beleg aus dem Bürgeramt Westend, der nur 14 Tage gilt, wieder abgelaufen und das Papier steht wieder auf Los: Bürgeramt finden, das einen freien Termin hat, hinhocken, zwei Zettel mit zwei Stempeln nach Sichtung der Personalausweise und der Datenbank gegen zehn Euro Gebühr mitnehmen…

So was nennt sich dann “ganz unaufwändig und in kleinem Kreise”. Fick dich, deutsche Bürokratie.
(Und das ist noch die vereinfachte Prozedur, weil wir beide Deutsche sind…)

Es sind Damen anwesend!

Vielleicht ist das genau der Moment, in dem ich mich in eine zänkische alte Frau verwandele. In eine unerbittliche Lady, deren hormonelle Programmierung dieses “nett sein” nicht mehr verlangt. Oder aber ich werde einfach empfindlich.

Twitter hat für mich seit #aufschrei die Leichtigkeit verloren, für die ich diese Sprachassoziationsmaschine mal geschätzt habe. Das war wie eine Party. Hier macht einer Witzchen, dort spreizt jemand das Gefieder, der nächste doziert oder zitiert, um ein paar andere zu beeindrucken oder eine Botschaft zu verbreiten, jemand heult, zeigt Katzen- oder Familienfotos und es wird auch in die Ecke gekotzt, einsam Zoten gerissen und besoffen herumgepöbelt. Es wurde gelebt, geboren, gestorben, ver- und entliebt, eine Welt in der Nussschale.
Ich habe seit Herbst 2010 meine Timeline absichtlich politisiert. Die Piraten lagen mir am Herzen. Ich hoffte auf eine intellektuelle Elite, die die Politik wieder in Schwung bringt. Auslöser war für mich das Internetzensurgesetz aus dem Familienministerium. Ein Paradebeispiel für einen schlecht gemachten, populistischen Gesetzentwurf, der mehr Schaden anrichtet, als er vorgibt zu verhindern. Nicht umsonst verschwand er in der Versenkung.
Ich fürchtete um die Freiheit des Gedankens, um die Neugier und um die freie Bewegung im Netz. Ich wollte mich nicht bevormunden und denunzieren lassen.
Ja, ich war sogar bereit, meine langjährige politische Bindung zu beenden, um Piratin zu werden. Ich schaute genauer hin, bevor ich das tun wollte und mein Zögern dauerte endlos. Das, was ich da sah, reden wir nicht drüber… Spätestens seit die Linksaktivisten ihre Aktionen abfeierten, war es bei mir vorbei, wenn man auf die 50 zugeht hatte man solche Ideologie-Performer schon ein paarmal im Leben vor der Nase und weiß, was ihr Treibstoff ist.
Ich habe mich vor einem viertel Jahr weider einer jungen, fitten und ehrgeizigen Frauen-Gang angeschlossen, die zwar auf einem Altherrendampfer Politik macht (in der Frauen aus dem Dekostatus längst raus sind), die aber darauf verzichtet, gleich die ganze Welt zu retten und sich nebenbei gegenseitig zu pulverisieren wie in einem Computerspiel.
Die Piraten waren so ein bisschen wie der Neue Markt, wo auch alle dachten, die Gesetze der Old Economy gelten für sie nicht. Bilanzbuchhaltung und Kommunikationsstrukturen sind böse, harte Klippen.

Seit klar wird, dass man sich im engen Zirkel effektiv selbst demontiert hat, schwappen die Spielchen nach draußen, so mein – vielleicht sehr subjektiver – Eindruck. Leute werden für Tweets abgewatscht, bekommen Diskussonen über “böse Worte” in deren Nähe man nicht kommen sollte und korrekte Sprachregelungen zu den exotischsten Minderheiten, von deren Existenz man bis dato nichts wußte, aufgedrängt und Witze über den Steak & Blowjob-Tag gibt es kaum noch. (Unter der Gürtellinie angesiedelte Empörungstweets über Politiker oder im Zusammenhang mit Religion aber immer wieder gern. Aufstand gegen die Elternfiguren eben.) Ich habe noch nicht ganz begriffen, warum das überhaupt gerade so ist, aber ich werde das noch durchschauen, da bin ich mir sicher.
Mir waren solche Sprachpolizei-Aktionen bisher erspart geblieben, ich sah sie nur aus der Ferne, Gott sei Dank, bin ich doch empfindlich uff die Wörter. Bis gestern.
Ich sass am Schreibtisch und dachte über eine Diät nach. Das passiert sogar mir mitunter im Frühjahr. Ich dachte an den Mann, mit dem ich den Rest des Lebens verbringen will und daran, dass er mich mag, wie ich bin und ich ihm früher nicht gefallen hätte, im Verhalten und in der Figur. Dann erinnerte ich mich an meine Großmutter. Die hatte einen knappen, aber dezidierten Kanon an Ratschlägen für mich. Einer lautete: “Mädel werd nich so dürre, da wirschte zickig. Männer megn das nich.”*
Dieses Satz twitterte ich, als Zitat meiner Oma gekennzeichnet und fügte hinzu: Recht hatte sie. Innerhalb von wenigen Minuten kamen Reaktionen: (sinngemäß, denn ich möchte das hier anonym halten)
Zickig ist ein böses, frauenmanipulierendes Wort!
Wie kann sich für etwas entscheiden, weil es Männer mögen würden?
Das diskriminiert Dünne!
Das weist Dicken ein klischeehaftes Verhalten zu!
(letztere beide Äußerungen übrigens von einer Person)
Oh. Mein. Gott. Meine Oma hätte an der Stelle diesen Leuten gesagt, sie sollten gefälligst nicht solchen Zinnober reden, denn sie müssten sich nicht jede Jacke anziehen, die rumliegt. Heute gängige Sprachregelung: “Soll ich dir zeigen, wo der Unfollow-Button ist?”
Was ich selbst nicht so handhabe. Mir gehen Leute mit manchen Äußerungen gehörig auf den Zeiger, aber so es sich die Waage hält, ist das ok. Ich muss niemanden entfolgen, wenn er nicht so denkt wie ich. Ich fühle mich in vielen Fällen bereichert, wenn anders denken Substanz hat.
Zweien, die sich beschwerten, habe ich kurz erklärt, worum es ging. Das wurde akzeptiert. Im dritten Fall wurde ich pauschal gebeten, keine solchen verletztenden Äußerungen mehr zu machen. Das überschritt bei mir gehörig eine Grenze. Da wurde ich dann doch etwas eindringlicher. Ich brauche keine Newspeak-Gouvernante.

Verschleiernde Sprache oder Sprachverbote sind nichts Neues. Erinnern wir uns an das Victorianische Zeitalter, das den Gipfelpunkt von Verschleiern und Verschweigen von Sexualität war. Ziel: Konditionierung der Triebbeherrschung. In der Enge und Anonymität der wachsenden Städte war das wichtig. Man sagte nicht: “Hintern” oder “Schwanz”, sondern “das auf dem ich sitze” oder “Manneskraft”, man hatte Lenden und Scham, keine Geschlechtsteile, oft nicht mal mehr das, sondern es gab nur noch das “Unaussprechliche” oder “untenrum”. Parallel wurde das Benennen als Quelle von Verletzungen anderer Menschen ausgemacht. Standardsatz “Das sagt man nicht in Gegenwart von Kindern/Damen/Dienstpersonal!” Bestimmte Dinge sagte man höchstens noch dem Arzt oder Pfarrer.
Heute, weil die Welt durch Globalisierung enger wird, weil gleiche Lebensteilnahme für alle wichtig ist, weil jedes Individuum eine wichtige gesellschaftliche Ressource ist (Thema einer reichen Gesellschaft, die wenig Nachwuchs hat), konditionieren wir andere Bereiche. Das sind vor allem, ganz umfassend: Ablehnung, Misstrauen und Überhöhung gegenüber dem Anderen (also all das, was nicht so ist wie man selbst). Was dann passiert, ist genauso wie abgeklemmte Sexualität. Es ist trotzdem da. Fällt in den Schatten. Wuchert und schießt üppig ins Kraut. Wird kompensiert.
Ich für meinen Teil bin froh darüber, eine reiche Sprache zu benutzen. Ich liebe Humor. Humor ist Verkehrung, Überhöhung, Demaskierung, Statusspiel. Ich behandele mein Gegenüber respektvoll. Aber hab ich bei Twitter ein Gegenüber? Nicht direkt. Sonst wäre es eine Chatcommunity, die bestimmten Regeln unterliegt. Hier spricht man über Sex, dort über Haustiere, da über Kinder. Und ja nach Thema weiß man, wie die Leute ticken, mit denen man zu tun hat. Twitter ist bunter, heterogener. Das ist gut so. Und gerade deshalb will ich mich nicht von jemandem angehen lassen, was ich zu sagen hätte. Diese Menschen schränken mit Moralduktus meine Freiheit ein. Ich habe das Echo des Stalinismus in meiner Familie noch mitbekommen. Deshalb mag ich so etwas nicht.

 

*Andere lauteten:
“Mach was, dann musste hinterher nich rumjammern!”
“Ab 40 isses nich mehr so mit den Männern, da brauchste einen richtigen.”
“Schwimm nich so viel, das zehrt und dann musste mehr essen.”
(Ich hab natürlich gesagt: Jaja Oma…” und die Backen aufgeblasen und gemacht, was ich wollte, das hat sie schließlich auch nicht anders getan.)

Von Lolitas und Lektoren

Wir hatten die Leipziger Autorenrunde auf der Buchmesse schon länger zugesagt, waren aber unsicher, ob wir dort wirklich richtig sind. Aber der Graf buchte am Freitag abend kurz entschlossen zwei Zugtickets, um den Sprung hinüber zu machen und wir sagten dafür eine 1001 Nacht Kostümparty ab, um wiederum auf einem Kostümfest zu landen, aber darüber später.
Der morgendliche ICE hatte die handelsübliche Stunde Verspätung, dafür konnten wir mit dem nächsten ICE, der auf unser Zugpersonal wartete, gleich zur Messe durchfahren. Wir, das war ab dem Bahnhof eine Parade von mehreren tausend Leuten, darunter Rotkäppchen, Samurais und Lolitas. Gut, Nabokovs Buch ist schließlich auch Weltliteratur.
GlashausIn den Messehallen waren wir zunächst komplett verloren. Mehrzweckfläche 3 hieß es und ich war so optimistisch, das gleich zu finden, dass ich auf die Leitsysteme vor Ort vertraute und den Plan nicht ausgedruckt hatte. Wir orteten sie auf der Karte am anderen Ende unserer Position und machten uns auf den Weg. Zwischendurch machten wir noch kleine Guerilla-Werbeaktionen für Stories & Places. Der Graf hatte am Abend zuvor noch kleine Visitenkarten-Lesezeichen gemacht, die wir großzügig in Bücher verteilten, so sie nicht an einem Verlagsstand bewacht wurden.
Als wir am vermuteten Platz der Autorenrunde angekommen waren, erzählte dort eine junge Verlagsangestellte einem Haufen Selftpublishern, was Twitter und Blogs sind. Zum Beispiel, dass man den Blog unbedingt mit Fotos aufhübschen solle, sonst wäre er nicht interessant. Außerdem könne man bei Twitter Gruppen beitreten (wtf!). Tweet schrieb sie in ihrer Powerpoint-Präsentation übrigens mit d, wie den englischen Wollstoff. Kein Kommentar. Wir tauschten einen Blick und suchten das Weite. Kopfschüttelnd waren wir uns einig: Das kann es nicht gewesen sein.
Wir stürzten uns wieder in die Menge. Noch mehr Menschen in Kostümen oder neudeutsch Cosplayer, mittlerweile auch Mädchen mit Krinolinen und Jungs mit blaugemalten Gesichtern. Es fand ein Wettbewerb des besten Mangakostüms statt und sie kamen dafür sogar aus Berlin. Ich finde es übrigens eine super Idee, auf diese Art junge Menschen dazu zu bringen, auf die Buchmesse zu gehen. Wer hätte früher mit 17 gesagt: Ich fahr am Wochenende nach Leipzig auf die Buchmesse? Das ist Klassen besser, als diese Kampagne, die mir eher Angst macht.
Mit den bunt gekleideten Kiddies walzten die anderen Messebesucher mit uns durch die Gänge: Die üblichen Schrifstellergroupies, die sich seit Generationen aus postklimakterischen Studienrätinnen rekrutieren, waren dabei und natürlich Leipziger Ureinwohner, allesamt Tragetaschen des Eulenspiegel mit einem ostalgischen Ulbricht-Witz-Cartoon in der Hand. Sie belagerten auch die Lesung eines blonden Mannes, der den unperfekten Charme von DDR-Produkten beschwor. “Elasan Babypuder!”, sagte er. Die Menge lachte. Wir machten, dass wir weiter kamen.

Dann, die Menschenmenge hatte sich inzwischen in einen undurchdringlichen Strom verwandelt, fragte der Graf besser mal nach dem Weg. Ok., unser Ziel lag ganz am Anfang unserer Tour, also zurück.
So stiegen wir nach kurzer Orientierungspause in die Rundtischgespräche ein. Eine klasse Idee, nicht die dröge “Einer redet seinen Stiefel, alle gähnen”-Sache, sondern wechselnde kleine Auditorien. Das ermöglichte an die Anliegen und Intentionen der Teilnehmer angepaßte Vorträge und eine intensive Diskussion, außerdem noch gute Synergieeffekte, weil sich die Teilnehmer noch gegenseitig etwas beibringen konnten.
Ich habe selten so viele Anregungen zu so mannigfachen Themenkreisen bekommen, konnte dazu meine Schwerpunkte aus einer umfassenden Liste aussuchen und habe dazu interessante Menschen getroffen. Bitte mehr von solchen Veranstaltungen! Und ein großer Dank an Leander Wattig, den Organisator, der das ganze unaufgeregt und souverän leitete, für tolle Sprecher und differenzierte Inhalte gesorgt hatte und eine konzentrierte, aufgeschlossene Atmosphäre schuf.
Ich interessierte mich für Poetry Slam und Lesebühnen, es gab ein Wiedersehen mit Andy Strauß, der vor einer reichlichen Woche um ein Haar den Best of Poetry Slam in der Berliner Volksbühne gewonnen hatte. Da kam so ein Typ auf die Bühne, eine Mischung aus Jonathan Meese und Helge Schneider und was er las, war der absolute Burner. Ich war in der Jury und von seinen Texten sehr angetan. Und nun, im Gespräch in Leipzig merkte ich: der Typ ist intelligent, kompromisslos und kreativ. Gute Mischung. Meine Fragen zu Slam Poetry waren nach der Dreiviertelstunde geklärt. Gut so, denn am Montag werde ich mit jemandem zusammen sitzen, die in dieser Richtung arbeiten will und die um Vorbereitungshilfe für die Auftritte gebeten hat.
Danach ging es mit Johannes M. Ackner um Hörbücher. Auch das war erhellend. Ich hatte ja eine ganze Weile mit einer Schauspielerin in dieser Richtung inhaltlich gearbeitet, aber auch keinen Hehl daraus gemacht, daß ich vom Vertrieb der Hörbücher wenig bis keine Ahnung habe. Die Infos waren eher dämpfend. So das Hörbuch nicht Anhang eines Bestsellers ist (und da sind dann die üblichen Big Player am Werk), sollte man es wie einen Podcast behandeln, den man aus Spass oder Promotiongründen macht.
Letzte Station waren Oliver Schütte im Auftrag der Bastei-Lübbe-Academy (nettes Spin-Off-Unternehmen zur bezahlten Nachwuchsbeobachtung, das sich hier gleich noch selbst darstellte). Schütte kenne ich ja schon aus meinen Fernsehzeiten und habe viel von ihm gelesen und gehört. Er erzählte für mich nichts bahnbrechend Neues, ich bin ja schließlich selbst Dramaturgin. Aber der Versuch, Genre-Erzählstrukturen auch im Trivialroman zu professionalisieren (beim Fernsehen in Deutschland passierte das ja schon vor 15 Jahren), finde ich gut. Vielleicht mach ich doch irgendwann den Schritt zur Barbara-Cartland-Karriere. Mein erklärtes Ziel war es immer, für Bahnhofsbuchhandlungen zu schreiben. Nur blöd, dass es bald keine Bahnhofsbuchhandlungen mehr geben wird…
Danach gab es noch einen kleinen Umtrunk, wir trafen einen Berliner Bekannten und plauderten etwas, bis dieser seine Freundin im Presszentrum abholte und auf dem Weg nach draussen: Cosplayer.
Nicht vom Rand springen! Heidi
Himmel und Hölle Karrieretag Buch + Medien

Ganz ehrlich: Die einzigen Bücher, die ich gesehen habe, waren gestalterische Preisträger. Alle anderen Titel, überhaupt das physische Buch, hat mich nicht sonderlich interessiert. Der Literaturbetrieb hat für mich zur Zeit etwas morbid-überhitztes und die Papierpakete kann ich auch als Textdatei aus dem Netz laden. (Ausnahmen: Herzensbücher)
Es wird interessant, wie Verlage in Zeiten des etablierten eBooks (also t+3Jahre) ihre Produkte präsentieren werden. Was Verlage überhaupt noch tun werden. (Btw. Der einzige Mensch, der im Auditorium der Autorenrunde das eBook laut sinnierend für eine vorübergehende Erscheinung hielt, war ein Lektor kurz vor der Rente. Der darf das.)
Vielleicht feiern wir ein Fest der Geschichtenerzähler. Gestern habe ich beim Gang über die Messe noch eine Linotype-Maschine bewundert. Ein wunderbares, mechanisches Gerät, präzise wie ein Uhrwerk. Doch es könnte sein, dass wir aus der Gutenberg-Galaxis in einen neues orales Kulturuniversum eintreten.

Ende

Ende

PS: Hier schreibt der Graf über den Tag.

Female Leadership

Die Digital Media Women Berlin machten gestern eine Veranstaltung zum Thema Frauen in Führungspositionen. Gitta Blatt als HR-Chefin des Berliner Online-Spiele-Entwickelers Wooga und Sheila Marcelo, Gründerin und Chefin von Care, einem Service, der Familiendienstleistungen vermittelt, traten als Keynote-Speakerinnen auf.
Wie das so ist mit Keynotes, das sind ja auch Statements auf Reisen. Gitta Blatt referierte zunächst über die üblichen Statistiken – Frauenanteile an Universitäten, in Berufen, in Führungspositionen – und stellte dann wooga als Hipster-Büllerbü vor, mit vielen Bildern junger, glücklicher werktätiger Menschen, beim gemeinsamen Arbeiten und Pizzaessen. Schön, aber auch Ausdruck eines Arbeitnehmermarktes, denn gerade in dieser Branche schlägt der Fachkräftemangel voll rein und man muss etwas bieten. Unter anderem auch eine Kinderbetreuungsgarantie (die allerdings mit einem unsicheren Lächeln begleitet wurde, keine Ahnung warum, ob die Frage war, ob es nicht reicht oder ob es nicht genutzt wird, ich wäre für einen Hinweis dankbar, das habe ich nicht ganz verstanden), wenn die jungen werktätige Menschen sich zur Fortpflanzung entschliessen.
Sheila Marcelo hat genau letzteres zu ihrem Geschäft gemacht: Kinderbetreuung, Haushaltshilfe, Altenbetreuung, sie bietet wenig qualifizierten Menschen einen Job, der hochqualifizierten Menschen (vor allem Frauen!) den Rücken freihält. Nur darüber sprach sie nicht. Sie sprach über sich, ihre Herkunft, ihren Lebensweg und ihre Ideen. Man hätte im etwas schrappeligen Café des Betahauses eine Nadel fallen hören können, so gebannt war das Auditorium. Folien mit bunten Bildchen waren Nebensache.
Was für eine Person! Unprätentiös, charmant, aber mit der Klarheit eines beinharten Willens. Es ging um Ziele und Ansprüche an sich und andere, um Respekt gegenüber anderen, um hohe Performance und die Aufgabe, immer etwas weiter und zäher zu sein als die Mitarbeiter.
In dieser Präsenz kenne ich eigentlich nur eine Frau in Deutschland, die  so etwas ähnlich rüberbringen kann, das ist Sina Trinkwalder.
Halt. Sheila Marcelo hat das Geschlecht kaum zum Thema gemacht. Befragt, was der Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Führungsstil wäre, sagt sie (ich zitiere aus dem Kopf): It’s not important, be just a leader.
Da kommt dann der Moment, wo ich mich frage, ob ein Teil unseres Gender Gaps nicht auch die lähmende Der denkt, ich bin nur ein Mädchen-Projektion ist. Es ist für mich nie wichtig gewesen, aber es muss in vielen tief drinstecken, das beobachte ich immer wieder.
Wo ist das verloren gegangen? Hat es das nie gegeben? Es gibt ohnehin nicht viele Führungskräfte, klar, oben auf der Pyramide stehen nur wenige, aber es gibt Matriarchinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Familienunternehmerinnen: Grete Schickedanz, Beate Uhse, Marie Curie, Alice Schwarzer, Angela Merkel und (ja, ich nerve mit meinem Vorbild) Gräfin Dönhoff.
Hat es vielleicht damit zu tun, dass der überwiegende, auf diesen Teil des Berufslebens nicht vorbereitete Teil Frauen früher gar nicht in die Nähe einer Führungs- und Exzellenzposition kam und somit auch nicht scheitern konnte? Wo bleiben die Vorbilder? Ich höre immer nur “Ja, aber nicht wie die!”
Ich kann es nicht differenzieren, denn in meiner Jugend war es egal. Wenn eine Frau unter ihrem Potential geblieben ist, dann hat sie es freiwillig getan und das waren wenige, denn es gab im Grunde keinen Mehrwert, das zu tun. Gibt es jetzt einen?
Fragen über Fragen.

Das Fazit dieses Abends? Denk nicht so viel darüber nach, ob du Frau oder Mann bist. Handele als Mensch. Tur etwas für dich, deine Familie, deine Umwelt und die Gesellschaft.