Bei Stasis zu Hause

Als ich aus dem Krankenhaus kam, lief der Umzug. Die gesamte Familie half. Mein Bett wurde zuerst aufgebaut und ich folgte dem Gang der Arbeiten im Liegen.
Da meine Eltern darin nicht so versiert waren, schließlich waren sie erst zweimal in ihrem Leben umgezogen, war ich ein paarmal kurz vor dem Zusammenbruch, denn mein Bruder konnte nicht überall sein. Zum Beispiel, als meine Mutter ein Ivar-Regal von zweieinhalb Meter Länge montierte und nur ein Stabilisierungskreuz fand, das Regal aber trotzdem mit Zentnern von Büchern füllte. Oder mein Vater, der sich sechs Stunden damit beschäftigte, zwei Borde in die Wand zu dübeln und dann endlich verkündete, das ginge nicht, die Wand wäre nicht die richtige. Vier von den sechs Stunden hatte ich (mit zugegebenermaßen nicht sehr kräftiger Stimme) auf ihn eingeredet, er solle doch bitte in den nächsten Baumarkt fahren, um Hohlraumdübel zu kaufen, das wäre eine Rigipswand. Dasselbe hatte ihm mein Bruder gesagt, mein Vater ignorierte es aber standhaft.
Die Hausbewohner nahmen regen Anteil an unserem Einzug. Alte Damen mit Gehhilfen standen zeternd im Erdgeschoß und erklärten, es wäre eine Unmöglichkeit am Samstag vormittag einzuziehen, ausgerechnet, wenn sie einkaufen und den Fahrstuhl benutzen müßten. Da der Fahrstuhl im 9. Geschoß endete und zwei Treppenhäuser und drei Stockwerke versorgte, fanden 12 Mietsparteien immer wieder einen Grund, zu schauen, wie unsere Möbel aussehen und wer überhaupt einzieht.*
Als da waren:

  • Die nette uralte Dame. Irgendwie habe ich immer neben einer netten uralten Dame mit wässrigblauen Greisenaugen gewohnt. Diesmal lag ihr Wohnzimmer Wand an Wand mit dem Kinderzimmer. Und das Kind war grade in der Punkmusikphase. Aber das war ausgleichende Gerechtigkeit. Denn Jahre vorher hatte eine uralte und zu dem schwerhörige Dame mit wässrigblauen Greisenaugen ihren Fernseher an meiner Schlafzimmerwand stehen.
  • Ein Ehepaar um die sechzig. Sie blond, nett und unterwürfig. Er gutaussehend, sehr sportlich, der ganze Habitus verriet, daß er ehemaliger Offizier war (weniger Stasi, dazu wirkte er zu intelligent). Katzenfreundlich, lauernd. Er konnte uns nicht einsortieren. Klassenfeind? Doch auf „unserer“ Seite? Konnte man die ankumpeln und gemeinsam auf die neuen Zeiten schimpfen? Ich hatte mir vorgenommen, daß ich, sollte er mir irgendwann blöd kommen, den ganz bösen Befehlston auspacken würde. So von wegen Genosse, nehmse gefälligst erstmal Haltung an! und wenns hart auf hart gekommen wäre, hätte ich ihm sicher gesteckt, daß mein Großvater dereinst sein Vorgesetzter war. Vielleicht wäre ich dann um die 14tägige Trepenrenigung gekommen, mit der mans hier sehr genau nahm.
  • Der geschiedene, vereinsamte Alkoholiker. Teigig, still, verhuscht, mit Joggighosen und verkleckstem Shirt. Immer noch mit einem schrecklichen anhaltiner Akzent geschlagen. Erstaunlicherweise war er einer der wenigen, die arbeiteten. Er trug morgens Zeitungen aus.
  • Die schrullige alte Schreckschraube. Ich weiß garnicht, ob es diesen Typ Frau im Westen überhaupt gibt. Sie ist häßlich, weil sie sich häßlich macht mit unmöglichen Frisuren und Klamotten – in diesem Fall war es so eine schreckliche 70er-Jahre Ballonmütze aus Tweed – wirkt ein Leben lang alt, spricht zu laut, ist aufdringlich, neugierig und hat und hatte nie einen Mann. Sie bevölkert mit Vorliebe kulturelle Nachbarschaftsinitiativen: Buchlesungen der Stadtteilbibliothek, Laien-Fotoausstellungen, Adventzusammenkünfte der Wohnungsbaugenossenschaft etc. pp.
    Als erstes nahm sie meine Familie beiseite und erklärte ihr, daß hier im Haus alle zusammenhalten und ganz viel miteinander unternehmen und auch für Sauberkeit sorgen. Um das zu unterstreichen, erzählte sie Beispiele aus den letzten 20 Jahren und hielt damit den ganzen Umzug auf. Am meisten interessierte sie, wer denn nun der zu mir gehörige Mann wäre (mich hatte sie schön ein paarmal im Hausanzug über den Flur wanken sehen). Als sie dann erfuhr, daß ich alleinerziehnde Mutter bin, schwankte sie zwischen: na das wird Ärger mit den Kerlen geben und prima, da ist jemand genauso allein wie ich. Leider blockte ich ihre freundlichen Kontaktaufnahmen ab. Sie klingelte um halb zehn Uhr abends mehrere Male, um mich zu informieren, daß ihr zu Ohren gekommen wäre, wir hätten am Sonntag vormittag Löcher gebohrt, was aber außerhalb der erlaubten Zeiten nur Fachfirmen und Meisterbetrieben gestattet sei und sie klärte mich darüber auf, daß das Anbringen eines 10 cm breiten Schuhschrankes an der Wand neben meiner Wohnungstür feuerpolizeilich verboten wäre. Nachdem ich sie ein paarmal freundlich-aasig abfahren ließ, gab sie es auf.
  • Die frisch getrennte, tiefst depressive, völlig überforderte junge Mutter. Ihrer Kleidung sah man noch ihre Gruftivergangenheit an. Leider hatte sie einen kleinen Emotionalterroristen in die Welt gesetzt, der sie von morgens bis abends mit Brüll- und Schreianfällen drangsalierte. Manchmal, wenn der Bengel Luft holte, um noch lauter weiterzubrüllen, konnt ich sie betteln hören: Bitte lass Mama doch mal ein bißchen in Ruhe! Aber Chucky kannte kleine Gnade…
  • Der ABV (Abschnittsbevollmächtigte, das Pendant zum KOB) mit seiner Frau. Sicher war er mittlerweile außer Dienst, wenn man das von solchen Leuten überhaupt sagen kann. Klein, untersetzt, rotes Bauerngesicht, auf den Fußspitzen wippend stand er neben mir im Fahrstuhl und sah mich mit unverhohlenem Haß an. Seiner kleinen verhuschten Frau, die keinen Schritt von seiner Seite wich, war das sichtlich peinlich, aber sie zog den Kopf ein, wie wahrscheinlich immer.

In den ersten Wochen, als ich noch schwer unter Schmerzmitteln stand, beglückwünschte ich mich zur Entscheidung für die Platte. Denn auch im Typ P2 (ich war 13 Jahre im Typ WBS70 aufgewachsen) war der Weg in Küche und Bad derselbe. Ein gelernter DDR-Bürger fand ihn in jedem Zustand.
Das Kind und ich räumten mehrere Male um. Die 4 Zimmer auf 64 qm, die wir bewohnten (früher wären die einer vierköpfigen Familie zugeteilt worden) waren zu klein für unsere Möbel. Ansonsten war ich recht zufrieden. Zumindest im Frühling und Winter konnte ich den düsteren Prohezeiungen meiner Freundin nicht folgen, die der Meinung war, so eine Wohnung sei schon Feng-Shui-mäßig eine Katastrophe und der Stahbeton der Wände wirke wie ein Faradayscher Kafig und würde die Strahlen des Universums aufhalten. Ich sah auf gigantische Sonnenauf- und untergänge. Im Schlafzimmerfenster, vom Bett aus, sah ich den Fernsehturm (und die manchmal in Winternächten dort einschlagenden Blitze) und aus dem Wohnzimmerfenster hatte ich einen Blick wie von Gursky fotografiert, eine „Wohnscheibe“, eine Straße lang, 11 Stockwerke hoch. Hinter den Fenstern spielte sich ein kleines Welttheater ab. Dort wurde gekocht, gestritten, gevögelt und auf riesigen Fernsehern Frühstücksfernsehen gekuckt. Um die Weihnachtszeit blinkten überall diese psychedelischen Lichter. Es war nie langweilig.
Der Sommer offenbarte das Problem dieser Wohnung. Die Wände und Fenster waren zwar isoliert worden, aber nicht das Dach. Und so entstand um die Mittagszeit, wenn die Sonne auf das Dach schien, eine unerträgliche Hitze, die erst gegen Morgen des nächsten Tages nachließ. Es gab Nächte im Sommer, da bin ich bis drei Uhr nachts Rad gefahren, weil ich vor Hitze nicht schlafen konnte.
Das Kind war am Wochendende und in den Sommerferien kaum noch zu Hause. Sie probte das Zusammenleben mit ihrem Freund. Ich wiederum merkte, daß ich in dieses Haus nicht paßte. Der Sozialneidkratzer an der Autotür war das geringste Problem. Klar, hier fuhr man keinen Roadster. Hier hatten die meisten keine Arbeit, waren Verlierer der Geschichte und im Treppenhaus hing die Telefonnummer für die Alkoholiker- und Schuldnerberatung aus.
Außerdem behagte mir der Michaelkirchplatz nicht. Diese Nahtstelle aus Ost und West bot zwar Zugang zu allen möglichen Kulturen – altes Kreuzberg, neues Kreuzberg, alte Mitte, neue Mitte – aber die10 Straßen, die in ihn mündeten (alle mit unterschiedlcher Vorfahrtsregelung) hatten mir innerhalb von acht Monaten zwei schuldhafte Unfälle beschert. Jedesmal hatte ich es eilig und habe die Vorfahrt mißachtet. Für jemanden, der vorher nie einen Unfall verusacht hatte, war das ein deutliches Zeichen.
Die Karawane würde weiterziehen. Diesmal ohne das Kind, das mittlerweile das Abitur hatte und schon 19 Jahre alt war.
Das letzte Kapitel naht. Die Erfüllung eines Traums. Loftleben.

* Das Haus lag im ehemaligen Mauerstreifen. Ein Gebiet, wohin früher nur „zuverlässige Genossen“ ziehen durften, Teile des Viertels waren – obwohl Berlin Mitte – nur mit Passierschein betretbar. Deshalb wohnten hier bevorzugt Polizisten, Kriminalisten und Offiziere von Stasi und Grenztruppen.

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6 Gedanken zu „Bei Stasis zu Hause

  1. ich fass es nicht. da waren wir auch noch jahrelang nachbarn?
    immerhin hab ich ja weite Teile meine damlas jungen Lebens in der Schmidstrasse verbracht, gleich im Wohnriegel nebenan. Und abgesehen vom erniedrigenden Putzplan hab ich mich immer recht wohl gefühlt da… ok, abgesehen von der Zeit, als mein künstlerisch ambitioniert malender Lebensabschnittsgefährte seiner Tassen in meinen Schränken endgültig verlustig wurde und eine unschöne Angewohnheit entwickelt hat die gemeinhin unter domestic violence läuft… die Aussicht auf den taubstummen Kindergarten fand ich immer super und den kurzen Weg zum GMF und so vieles andere auch… die Nachbarn haben mich da kaum gestört. wann bin ich da in den F´hain weggezogen?… ´98? ´99? naja, und DANN hab ich jedenfalls mal in deinem Büro angerufen und hatte ja keine Ahnung :-)))

  2. REPLY:
    ecke schmidstraße hatte ich einen der unfälle :(
    aber wir können uns nicht getroffen haben. als du weg warst, war ich noch lange nicht da.
    den blick über berlin ahbe ich dort sehr gemocht.

  3. ich war ja ein erdgeschoß, vom blick über berlin kann ich deswegen nichts miterzählen, aber meine fenster gingen nach „hinten“ raus und ich hatte nichts als grün im gesicht wenn ich lesend auf meiner fensterbank saß und mir dabei selbst im erdgeschoß noch die dollsten sonnenuntergänge die abende romantisierten (vor, während und nachdem der schläger raus war). woran ich mich noch manchmal mit wohligem schaudern erinnere, daß ich noch eine ganze Weile nach meinem einzug mit punkt 18 jahren meine wäsche auf den zuständigen leinen draußen zum trocknen aufgehängt habe, so wie alle anderen auch. einfach so. also mitten auf der straße im prinzip. heute unvorstellbar.

  4. REPLY:
    ja, das vermisse ich sehr. wäsche auf einer langen leine aufzuhängen. die bettbezüge so, daß der wind hineinfährt. wir leben schon in einer komischen zeit.

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