Auf dem Gipfel

Lag es am sonnigen heißen Tag? Daran, daß sowieso nur die Glücklichen gekommen waren? Daran, daß wir alle mit Anfang 40 auf einem Lebensplateau angekommen sind, wo der Erfolgsdruck nachläßt und das Lebensmobil im Schwung der Vorjahre läuft?
Das Klassentreffen war überhaupt nicht der Horrortrip, den ich befürchtet hatte.
Vor fünf Jahren hockten wir alle da und spielten angestrengt Mein Haus, Mein Pferd, Mein Auto. So begabt sind die Kinder, mein Mann/meine Frau macht beruflich dasunddas, ich hab ne Firma, ich einen krisensicheren Job etc. pp.
Nun mußte das alles nicht mehr erklärt werden. Es gab keine Pleiten und sichtbaren Abstürze. Es leben sogar noch alle, was ungewöhnlich ist. Bis auf eine paar Plautzen, die das Standing von Führungspersönlichkeiten verbessern sollen und ein paar sehr matronenhaft gewordene Frauen, sehen alle ziemlich gut aus. Und sie gehen ihren Weg. Die Grundschul-Lehrerinnen wirken immer sonniger und altersloser. Die (wenigen) Berufsmütter haben kurz vor Ablauf der Fruchtbarkeitsphase noch ein, zwei Kinder draufgepackt. Der attraktive Lebenskünstler hat nach einem Bauunternehmen und einer Finanzberatung nun einen Tierfutterlieferservice aufgemacht, weil alte, einsame Leutchen doch so eine dankbare Klientel sind. Der Versicherungsvertreter ist noch aalglatter und die Ärzte sind noch etwas zynischer geworden.
Jetzt läuft sich die Midlifecrisis schon etwas warm. Nach Ehe und Beziehung zu fragen war schwierig. Bei denen, die wie ich in serieller Monogamie leben, war es kein Problem, da hatte sich das Partnerschaftsglückrad nur weitergedreht und es gab von einem neuen Menschen zu berichten. Andere, manche schon 20 Jahre verheiratet, zuckten zusammen. Neue Worte fielen: Trennungsjahr, böse Scheidung, sehe die Kinder nicht mehr, Güteraufteilung.
Und so kam es, daß Gespräche so liefen:
Mensch klar, du wohnst doch in so einem klasse Haus am Schweriner See!
Wohnte. Jetzt wohne ich in der Innenstadt.
Häh? Aber das hattest du doch grade erst gebaut!
Ja.
(es dämmert mir) Ach und jetzt wohnt nur noch deine Frau drin?
Genau so.

Die Jugendliebe nahm mich irgendwann beiseite. Fragte, wie es mir geht. Ich erzählte. Von schweren Jahren, vom Burnout und von Krankheit. Davon, daß ich die Kurve bekommen habe und es mir jetzt wieder sehr gut geht.
Er malt nicht mehr, sagte er, macht nur noch Tierzeichnungen für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Sein zweites Standbein, Libellenforschung. Er wäre grade drei Wochen in Namibia gewesen, um Libellenarten zu registrieren.
Er wirkt still und nachdenklich, ist wieder schlanker geworden.
Das Leben sei so festgelegt. Selbstgewählt natürlich. Sogar in der Provinzstadt würde er es kaum noch aushalten, zu laut, zu hektisch. Das Haus auf dem Land, wunderschön gelegen zwar, mit eigenen Händen gebaut und die Schwiegereltern in der Einliegerwohnung, die sich um vieles kümmern. Nein, da hat jeder seinen Bereich, die mischen sich nicht ein. Aber es gibt keinen Spielraum. Verbeamtet. Das Arbeitspensum bestimmt der Dienstherr. Der Stoff ändert sich nicht. Selbst für seine Luxusposition: Begabtenförderung, kein Klassenleiterjob, nur Biologie. An Aufgeben ist nicht zu denken. Zu viele Verpflichtungen.
Wir stehen zusammen am Flußufer.
Da sind wir nun. Haben uns im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Träume erfüllt. Er hat sein Haus auf dem Land, eine Frau, die seelisch ganz dicht bei ihm ist (das konnte ich ihm nie geben), einen Job, wo ihm niemand am Zeuge flicken kann und er forscht.
Ich erinnere mich an einen Sommerabend im letzten Jahr, an dem ich allein auf meinem Loungesofa saß und mich fragte, ob ich nun glücklich wäre. Alle Träume von Kindheit und Jungend waren erfüllt: Ich arbeite beim Film, habe mir eine Hierarchie geschaffen, in der ich oben stehe, habe LoftSportwagengeileKlamottenundnensuperTyp. Und?
Nun scheint es bei ihm so weit zu sein. Hinter uns das Lachen seiner Frau. Wie immer ist sie von einer zupackenden Fröhlichkeit. Innerhalb von Minuten kann sie eine ganze Runde Menschen unterhalten. Eine kleine, energische Person. Ihre Oberarme so dick wie meine Oberschenkel. Was ihr schnuppe ist.
Er schweigt. Sieht in die Ferne. Nie war er weiter von mir entfernt als in diesem Moment. Ich kann ihm nicht helfen. Kann ihm nicht einmal Mut zusprechen. Auch hämisch werden fällt mir schwer. Sätze, die er sicher von seinen Eltern hören würde: Haben wir dir immer gesagt, diese Frau kann dir nicht das Wasser reichen, die primitiven Eltern, warum nur Lehrer.
Es ist so, die Grenze ist erreicht und sprengen muß er sie selbst. Was dann passiert, ob er seinen Job aufgibt und nach Afrika geht oder nur das Saufen anfängt, steht in den Sternen.
Es ist kalt geworden, ich gehe meine Jacke holen und komme nicht mehr zurück.

Auch das noch:

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3 Gedanken zu „Auf dem Gipfel

  1. wenn ich die menschen um mich rum sehe, die ausgewogener leben, langsamer, eindimensionaler, langweiliger, dann gähne ich leise. und in mein gähnen mischt sich ein funken neid. das klingt nach einem sehr anstrengenden treffen. mich hätte es frustriert und desillusioniert. ich gehe darum auch nicht hin…

  2. Aus irgendeinem Grund habe ich hier noch nie gelesen, liebe Kitty, das wird sich ändern. Langsame, kluge, schöne Texte hier.

  3. @brittbee
    ja, das ist mir bisher auch immer so gegangen. aber diesmal gab es so ein mischung aus neugier und wohlwollen, gemischt mit der erkenntnis, daß unter den 70 leuten vielleicht zwei so denken, fühlen und leben wie ich.
    @nachtschwester
    danke! ich lese immer neidisch ihre wanderberichte und möchte auch ganz gern mal dorthin, wo sie waren. und es ist ein lichtblick, daß es in ihrem beruf auch persönlichkeiten gibt…

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