Antonioni

mein Regisseur. Während meines Studiums, bei dem ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe, lieferte ich eine 20-seitige Arbeit zu Zabriskie Point ab, die meinen Lehrkörper in unerwartete Euphorie versetzte. Was ich garnicht verstand. Ich hatte nur in die Tasten gehackt. Etwas über die Dramaturgie der Distanz geschrieben. Darüber, daß ein Regisseur die Härte und die Konsequenz besitzt, dem Zuschauer seine kühnsten Wunschträume zu zeigen und sie langsam, aber sicher zu sezieren und zu demontieren. In Blow up war es Swinging London und die Modeszene. Das letzte Bild des Films ist das umgekehrte blow up: eine lange Kranfahrt, die den Fotografen als kleinen, verlorenen Punkt auf einer Wiese enden läßt. In Zabriskie Point waren es die Hippie- und Aussteiger-Träume, die in jenem grandiosen Schlußbild der explodierenden Villa zerbarsten.

Antonioni ist am Ende seines Lebens in die absolute Distanz gegangen. Nach einem Schlaganfall konnte er nicht mehr sprechen, in seinem letzten Film, eine Episode in Eros, den im Grunde genommen Wim Wenders für ihn drehte, verständigte er sich am Set mit zu erahnenden Gesten.

Ein großer, aber kein leicht zu konsumierender Künstler. Weil er uns immer wieder an unseren Erwartungen gepackt und sie unterlaufen hat. Kein Menschenfreund. Nicht der verständnisvolle Empathiker wie Fellini. Ein Analyst.

Und nun der Nachtrag aus der Spökenkieker-Abteilung. Letzte Woche, es muß Donnerstag oder Freitag gewesen sein, bin ich hektisch durch durch den spon-newsletter gescrollt, keine Zeit, länger zu lesen. Ich überflog nur die Headlines, Antonioni gestorben las ich. Am Wochenende schlug ich die Zeitungen auf und ärgerte mich, daß er scheinbar so vergessen war, daß keine Nachrufe abgedruckt waren. Für Montag nahm ich mir vor, den spon-Artikel zu lesen, kam aber nicht dazu, weil sich die Meldungen zum Tod von Ingmar Bergman stapelten. Wieder nur der Gedanke: Das kann doch nicht sein! Ist Antonioni denn völlig vergessen? Gestern abend, schon im Bett liegend, bastelte ich an einem kleinen Nachruf für ihn. Heute morgen dann der Zeitungsartikel. Er ist Montag nacht gestorben. Ich war wohl zu früh dran.
Vielleicht sollte ich diese Gabe zu Geld machen. Zweitberuf Medium.

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