An die eigene Nase

Noch vor einer Woche habe ich meine beste Freundin hochnotpeinlich darüber belehrt, daß sie doch als mittlerweile reifer Mensch ein anderes Leben zu führen hätte, nicht immer von der Hand in den Mund, das Geschaffene verkommen lassen, mit Psychos Beziehungen simulieren, etc.pp.
Dabei muß ich gerade kräftig vor meiner Tür kehren. Ich bin mit meinem Job seit 15 Jahren verheiratet und wir sind langsam in einer kritischen Phase.
Ich bemerke weder das neue Kleid noch die neue Frisur, auch den Hochzeitstag vergesse ich. Die Annehmlichkeiten sind für mich selbstverständlich geworden, die ehelichen Pflichten kicken nicht mehr und meine Klage ist laut: Laaaangweilig! Aber mittlerweile ist das so eine böse, stumpfe Langeweile geworden, die mich sehr nachdenklich macht.
Ich hatte auch vorher schon Zeiten, in denen ich mit meiner intellektuellen Unterforderung kokettierte und lieber heute als morgen zur Bestsellerautorin avancieren wollte. Dann wiederum hatte ich von allzuviel Kommunikation die Schnauze voll und wollte doch Bäuerin werden, Ziegen und Kräuter züchten, weil das so schön unabhängig ist. (Bis ich mir das Bild von meckernden Ziegen vors innere Auge rief, die Tag und Nacht Support brauchen und Urlaub noch unmöglicher machen.)
Das ist es aber gerade nicht. Ich stelle mir nicht einmal mehr – um beim Bild Ehe zu bleiben – ein knackiges Mäuschen vor, das ich zu meiner Geliebten machen könnte, ich träume von keiner unabhängigen, coolen Braut, die mir täglich Mails von ihren Auslandstrips schickt, nein, ich koche leise frustriert vor mich hin. Jetzt reicht ein falsches Wort von der dämlichen Alten mit ihren fettgewordenen Hüften und ich haue ab. Einfach so. Zigaretten holen, Müll runterbringen.
Auch die Konsequenzen sind mir klar. Es wird eine schöne teure Scheidung, nach der ich in einem winzigen Zimmer hocken und allein sein werde, weil sich alle Freunde von mir dummem, treulosem Schwein abgewandt haben. Niemand stellt mir Essen hin, keiner bügelt meine Hemden, die Kinder darf ich alle zwei Wochen sehen und das Auto durfte sie auch behalten.
Ich werde mich mühsam durch Dates hangeln und über die überzogenen Ansprüche meines Gegenübers den Kopf schütteln, aber allein werde ich es auch blöd finden. Ich werde mir im Kopf die Traumfrau zusammenbasteln, nach der ich suche und die ich nie finden werde, aber für eine genauso unperfekte hätte ich meine Alte nicht verlassen müssen.
Aktuell schäme ich mich. Für unsere peinlichen Auftritte bei Freunden: Sie, vernachlässigt und schlecht angezogen, versucht irgendwie den Schein zu wahren, ich hole mir das nächste Bier, rede kein Wort mit ihr und schaue den anderen Frauen aufs T-Shirt. Natürlich habe ich Angst, daß sie schneller ist als ich. Daß sie sagt „Danke, das wars!“, daß ein anderer kommt, der besser ist als ich.
Ich weiß, daß (s)ich irgend etwas ändern muß, ich weiß nur nicht was, ich weiß nicht wie.
Die Freundin hatte eine Woche nach meiner Moralpredigt ihr Haus komplett geputzt und berichtete, daß sie sich wie neugeboren fühlt.
Bei mir scheint es mehr als Hausputz zu sein…

Auch das noch:

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7 Gedanken zu „An die eigene Nase

  1. vielleicht sollten sie der alten dame mal gefährliche unterwäsche verschaffen?
    oder neue praktiken beibringen?

  2. Das sehr simple Rätsel der Lösung:

    Sie, vernachlässigt und schlecht angezogen, …

    Sofort aufhören sie zu vernachlässigen, wie soll sie denn wieder auf ’nen grünen Punkt kommen und sich so für Dich attraktiv machen, wenn der Partner sie nur mit solchen Augen sieht? Wenn eine Frau schlecht angezogen ist, im Beisein ihres Partnern, dann hat er ihr irgendwann den Todesstoß versetzt. Also entweder trittst Du Dir in den Allerwertesten und küsst sie Dir wieder zu Prinzessin … oder Du greifst Dir die nächste, mit der Du in wenigen Jahren auf der gleichen Stufe landen dürftest.

    Und das auf’n Job umrechnen, kannste alleine! ,-)

    Ich weiß, ich bin da kleingeistig. Aber irgendwie wäre ich im Moment dankbar für Deine Job-Scheidungsgedanken, vielleicht hilft mein Neid ja für neuen Antrieb …

  3. REPLY:
    ich gehe demnächst auf so ein paar workshops, vielleicht lerne ich da was neues (peitsche? peitsche!).

  4. REPLY:
    die liebste freundin, die seit jahren von hartz4 und kunstambitionen lebte, hat mir auch den kopf gewaschen…

  5. REPLY:
    Naja, Kopfwaschen halte ich für übertrieben. Letztendlich hat man sich sein – ich nenne es jetzt mal platt, auch wenn’s nicht so ganz trifft – Burnout ja auch hart erarbeitet. Und solche Phasen hat man absolut zu Recht. Aber manchmal hilft (mir jedenfalls) in solchen motivationsschwachen Momenten (und nee, man hat nun mal nicht immer die Kraft sich am eigenen Kragen aus dem Sumpf zu ziehen) auf die Leute zu gucken, denen es anders dreckig geht.

  6. REPLY:
    hart erarbeiteter burnout – ein wahres wort.

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