An einem kühlen Frühsommersonntag

Berlin ist so geworden, wie ich es mir vor vielen vielen Jahren erträumt habe. Mit Menschen, die ganz selbstverständlich von überall herkommen, schönen Orten am Wasser, gutem Essen, spontanen Festen an unaufwändig hergerichteten Orten und phantastischen Wohnungen, in denen man aus der Badewanne den Himmel sehen kann. Ein Leben wie in Filmen, in denen die Helden bald die Welt retten müssen und natürlich erfolgreich sind.

Kurz bevor Berlin so wurde, habe ich dieses Leben probiert. An einem warmen Sommerabend saß ich, nachdem mit einem rotgoldenen Cabrio durch die Stadt gefegt war, auf dem Podest, das in der Mitte meines Lofts stand, hatte einen Cocktail vor mir, hörte Elektro-Musik,  war selbstredend schön zurecht gemacht, trainiert, schlank und erfolgreich und fühlte … nichts. Das, was ich als Teenager als Verkörperung von schönem Leben erträumte, hinterließ nur Leere in mir.
Dabei waren wir alle ziemlich hip in unserer Kreuzberger Luxuslegebatterie. Die Viva-Moderatorin führte nächtens ihre SM-Spielchen bei offenem Fenster auf, der smarte Unternehmer hatte sonntags den Anzug abgelegt, hing im Sling, ließ sich hintenrum bedienen und hörte Straußwalzer, der charmante junge Anlagebetrüger hortete teure Autos und der MTV-Moderator war so nett, schlumpfig und unauffällig wie der Soap-Star drei Eingänge weiter.
Fellinis „La Dolce Vita“ war, als ich 13 oder 14 war, wie ein Blitz in mich eingeschlagen. Damals habe ich aber den Spin nicht begriffen. Dass diese glänzende Schwärze der Nacht, dieses alles haben können, was man will, nur Abgegriffenes hinterläßt oder Enttäuschung, dass etwas nicht so ist, wie es scheint.

Heute stehe ich in Berlin, das so geworden ist, wie ich es mir erträumt hatte und habe mich zu einem Menschen entwickelt, der Lärm und Menschenmengen nicht mehr mag, der Schmutz und Staub hasst, den Chaos verunsichert und dem mitterweile alles zu schnell geht.
Wie so oft – aus meiner egozentrierten Sicht – war ich schon eher an der Stelle und bin darüber hinweg, wenn sich das Phänomen auf dem Zenit befindet.
Ich stehe in den Straße in Mitte und sehe Motive und Sujets und weiß, dass das die Fotomotive sind, die um die Welt gehen. Bärtige Hipster mit Lastenfahrrädern, kleine Geschäfte mit wunderschönen, mit Liebe gemachten Dingen, große alte Häuser, die für einen Abend für ein lautes Fest geöffnet werden, schöne junge Menschen, die erleuchtet und so fragil wie Reiher aussehen, auf einem Podest vor einem Detox-Restaurant.
Bilder, bei deren Anblick andere Menschen seufzen werden, dass sie so leben möchten, dass das das wahre Leben ist.
Manchmal laufen diese Leute, nachdem sie geseufzt haben, hier durch die Straßen. Sind so zurechtgemacht, wie es die Bilder zeigten, und suchen nach diesem Gefühl, dass damit in ihnen ausgelöst wurde. Da gehen Achtzehnjährige wild angezogen die Kastanienallee entlang und hoffen, dass sie entdeckt werden, dabei ist das Castingallee-Phänomen über zehn Jahre her. Da haben sich wunderschöne asiatische Mädchen ihre selbstentworfenen minimalistischen schwarzen Kleider angezogen, die Haare geglättet und Manga-Augenbrauen gemalt, gehen in die Boutiquen und treffen auf Menschen, die ihnen genau das verkaufen wollen – und die Geschäfte laufen nicht gut. Da sitzen melancholische junge Männer mit einem Drink an der Bar und hoffen auf SIE, mit wehendem Kleid und Haaren, Brüsten wie Rehzwillinge und hohem, schlanken Wuchs und treffen auf Mädchen aus der ihrer Nachbarstadt, die auch träumend auf der Suche sind oder auf übermüdete Startup-Head of Something-Mädels, die nicht wissen, wovon sie ihre nächsten Drogen zahlen sollen, wenn sie ihre Miete zahlen.

Irgendwie nehme ich das alles aus dem Augenwinkel mit. Liebe die Ergebnisse. Esse die besten Kekse und Törtchen der Welt, lasse mir von Isländern Burger braten, trinke Milano Spritz, kredenzt von einem wunderschönen Italiener, aber das ist alles Schein. Das Geld fliegt mir aus der Tasche und abends hocke ich mit data overload auf dem Sofa und schaue auf den Fernsehturm.

Ich sehne mich nach dem sandigen Steilhang eines Flusses, in dem die Schwalben nisten.

Das sind alles Klagen auf einem sehr hohen Niveau. Das Leben ist anzunehmen wie es ist.

Ursula K. LeGuins Left Hand of the Darkness soll als Miniserie verfilmt werden. Das hatte ich irgendwo, bei der Kaltmamsell? gelesen. Das würde mich sehr interessieren, hoffe aber, es wird kein 0815-Science Fiction, denn das war das Buch von Anfang an nicht.
Auch eine Geschichte, die mich bis ins Mark traf. Ich las das Buch mit 13 oder 14 Jahren, als ich alles verschlang, auf dem Science Fiction stand (das war in der DDR beileibe nicht viel und Qualität hatten vor allen die Strugatzkis und LEM) und fühlte mich in dem berührt, was mich damals umtrieb und worüber ich nie gesprochen hätte: Ich wollte keine Frau sein, ich fühlte mich nicht als eine, auch wenn ich so aussah. Als Mann hätte mir die Welt vollständig offengestanden und ich hätte mich für nichts rechtfertigen müssen. Wäre Geschlechtswechsel damals so einfach wie heute gewesen, hätte ich darauf bestanden und mein Leben als Mann weitergeführt.
(Bitte einfach zur Kenntnis nehmen, darüber diskutiere ich nicht.)

Da das Meta-Thema heute „das Gras ist auf der anderen Seite der Straße grüner“ zu sein scheint, noch ein schöner Blogpost von Modeste über 19 Jahre alt sein. (Und über Selbstwahrnehmung.) Wann fängt das eigentlich an? Jungs finden sich doch überwiegend klasse, wenn sie über die Werther-Phase weg sind. Mädchen aus denen Frauen werden, glauben immer, es genügt, sie genügen noch nicht. Komische Sache.

Auf dem Weg zum Homo Ludens

„Du klingst in der letzten Zeit übrigens sehr weich und liebevoll. Irgendwie nach der Entscheidung NICHTS mehr sein zu wollen/zu müssen.“ schrieb die Freundin. Sie kennt mich seit über 30 Jahren und sie hat recht.
Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, solche Übergänge passieren schleichend. Vielleicht nach der Woche im März, in der sich alles auf einmal entscheiden sollte und am Schluss nichts passierte. Keine Verpflichtung weit weg von Berlin, vier Wochen vor der Geburt des Enkelkinds, keine 6monatige Arbeitseingliederungsmaßnahme für Deppen und dafür die Einsicht, dass alle Dinge noch eine Weile brauchen.
Ich habe nach einer Phase der Konfusion, in der alles in mir immer noch im Alarmzustand war, denn ich muss bereit sein, auf alles eingestellt sein, es kann sich alles sofort verändern, ich muss kämpfen, kämpfen, nichts kommt von allein… einfach losgelassen.
Vor ein paar Wochen stand ich montags auf und sagte mir, ich mache jetzt nur noch das, was ich will. Das klingt ein wenig kindisch kindlich und das ist es auch. Auf eine gute Art und Weise. Ich wäre eine vollkommene Idiotin, wenn ich die Zeit ohne Existenzdruck, die ich seit November habe, verstreichen lassen würde, nur in der Angst befangen, der Zustand sei nicht von Dauer.
Ich lebe hier und jetzt. Es gibt derzeit keine Veranlassung, so zu tun, als wäre mein Leben ein anderes als das einer Frau, die sich ausruhen und ihre Dinge tun darf. Ich bin zum Homo Ludens geworden.
(Das ist schwieriger als man denkt. Ich habe ziemliche Hemmungen, darüber zu reden oder zu schreiben, dass ich mitten am Tag Dinge tue, die andere Frauen nach ihrem Arbeitstag machen.)

So bin ich von ganz allein in die jetzige Existenz gerutscht. Im Moment sind das viel Handarbeiten. Nähen oder besser, mir etwas auf den Leib schneidern und wieder Maschinenstricken, nachdem ich eine modernere und intaktere Brother-Maschine, als ich sie schon hatte, gekauft habe. Diesmal mit allem Sch… – Doppelbett, Elektrik-Schlitten, Farbwechsler. Mir schwebt da was vor.
Ich bin in Sachen Entwurf und Arbeitsplanung etwas schwach auf der Brust, aber das können der Mann und Primavera. Ein, zwei Modelle durchplanen, gute Farbkombinationen dazu, mal schauen.
Das Ganze hatte seinen Ursprung darin, dass ich Fair Isle-Muster ungern mit der Hand stricken möchte. Es ist mir zu anstrengend, ständig mit den Augen zwischen der Vorlage und dem Gestrick hin und her zu wechseln, weil die Lesebrille das nicht mitmacht.
Die letzten Brother-Maschinen hatten die Möglichkeit, mehrfädige Muster ohne Spannfäden zu verarbeiten, da will ich gern ansetzen. Und dann gibt es noch die Option, Socken zu stricken und rundzustricken…
Die viele Menschen, die mit der Maschine arbeiten, sind technische Nerds, die vom Design her entweder Katzengesichterpullis im 80ies-Style oder XXL-Säcke fertigen. Viele handarbeitende Frauen mit guten Ideen sind wiederum nicht technikaffin und das ist technisch anspruchsvoll. Ich lasse  mich überraschen.
Und so verschwinde ich über Stunden in Wurmlöchern und frickele vor mich hin. Sozialkontakte sind derzeit so gar nicht meine Sache, man möge es mir verzeihen.

Es gab noch etwas, das an mich herangetragen wurde. Ganz vorsichtig, weil es Frauen gibt, die fast beleidigt sind: Die Großmutterrolle stünde mir gut. Es brauche in jeder Familie eine Frau, die Ruhe, Souveränität und Erfahrung ausstrahlt, wo man anlanden könne. Körperlich wie seelisch. Ich nehme das als großes Kompliment.
Ist es wirklich so, dass die Großmütter selten geworden sind? Nun, sie sind älter, weil alle Frauen immer später Kinder bekommen. Eine 73jährige ist eine andere Großmutter als eine 53jährige.
Vielleicht spielen auch veränderte Rollenbilder hinein. Moderne Frauen wollen nicht warten, bis sie gebraucht werden und dann grenzenlos da sein. Und neben Fitness, Weiterbildung, Radtouren, Fernurlauben und Dating für den nächsten Lebensabschnittbegleiter Zeit für die archaische Rolle des Familienhafens zu spielen, das könnte schwierig werden. Wie schreiben sie alle in ihre Profile in Partnerbörsen? „Kein Omatyp“
Welches Kind erinnert sich so? „Meine Oma war kein Omatyp.“ Oma, das war doch immer die weiche ruhige Frau und eine Wohnung mit alten Möbeln und interessanten Gegenständen, das beste Essen der Welt und Dinge tun, die zu Hause aus Zeitmangel oder moderner Lebenshaltung nicht drin sind.
Ich weiß doch auch nicht.

Das Baby ist nun einen Monat alt. Das Kind ist eine vehemente Mutter, auf die ich mal wieder verdammt stolz bin und der Schwiegersohn ist ein toller Papa.

Nachgeschobene Aufzeichnungen

Blogge nie auf den letzten Pfiff, bevor der Ironbloger-Crawler Sonntag Nacht vorbei kommt. Dein Provider könnte down sein und nur noch das Frontend liefern. So wie gestern.

Wo bei immer noch vieles, obwohl dominant das Leben bestimmend und alle Energie kostend, nicht aufschreibbar ist. Es schiebt sich gerade alles zusammen, wie Eisschollen kurz vorm Frühling auf einem Fluss.
Was davon übrig bleibt und was dann wirklich passiert, wenn sich der Stau auflöst, weiß noch keiner so richtig.
Erst im Nachhinein ist ein Leben eine Abfolge von Ereignissen. Mitten drin ist es eine Ballung von manchmal voneinander anhängenden Optionen mit unterschiedlichem, schwer beeinflussbarem Timing.

Könnte sein, dass es Mitte März wieder besser läuft. Tschuldigung.

WMDEDGT Januar 2017

Frau Brüllen fragt wieder, was wir den ganzen Tag gemacht haben.
Heute bin ich sehr spät aufgestanden. Da ich traditionell bis zum 6. Januar etwas Urlaub mache, klingelt bei mir momentan der Wecker noch nicht, aber ich fange in dieser Woche schon an, die ersten Dinge zu erledigen.
Mittlerweile hat sich mein Tagesablauf so verschoben, dass ich um 2:00 Uhr nachts ins Bett gehe und entsprechend lange schlafe. Ich war erst kurz vor 10:00 Uhr wach. Ich lüftete die Wohnung, es war knackig kalt draußen und ging mit einer Tasse Kaffee in die Badewanne.
Dann sortierte ich etwas herum und frühstückte wie immer Joghurt mit Früchten. Der Graf war inzwischen aufgestanden, und ich zog die Betten ab. Das hatte ich schon mehrere Tage vergessen, diesmal wollte ich es wirklich erledigen.
Dann schraubten der Graf und ich an einer Website, die wir vor einigen Jahren aufgesetzt hatten, dort mussten Seiten entfernt und eingefügt werden.
Ich las noch etwas Zeitung und versuchte, unbedingt daran zu denken, dass ich für das Kind den Aushang eines Immobilienmaklers fotografieren wollte. Da sie und ihr Mann bald zu dritt sind, wird die Wohnung eng. Es weiß ja jeder, dass es momentan nicht einfach ist, in Berlin eine erschwingliche Wohnung zu finden.
Aber der Graf hatte das Foto schon am Tag vorher gemacht. Da wir ohnehin auf einen Spaziergang gehen wollten, die Sonne schien, auch wenn es kalt war, schauten wir nach, ob in dieser Hausverwaltung vielleicht jemand war. Dieses Büro ist sehr sonderbar, weil eigentlich nie jemand da ist. Aber diesmal saß ein Mädchen am Computer. Wir fragten nach der Wohnung, die bei uns um die Ecke und relativ erschwinglich ist und bekam zur Antwort, dass sie schon lange wieder vermietet wäre. Man könnte uns aber provisionspflichtig andere Wohnungen anbieten. Es hörte sich eher an, als wäre dies ein Lockvogelangebot. Schade.
Wir spazierten durch Mitte und gingen bei Dada Falafel in der Oranienburger Straße etwas essen. Dort Falafel oder Schawarma zu essen ist immer ein Ereignis. Es ist köstlich, und hat mit Imbissessen nichts zu tun. Da wir ordentlich durchgefroren waren, tranken wir noch warmen Tee und heiße Schokolade dazu.
Für den Rückweg nahmen wir lieber die Straßenbahn, denn eine schwarze Schneewand zog auf, der Wind wurde schneidend kalt und es begann sogar ein bisschen zu schneien.
Zurückgekehrt, setzte ich mich an meinen Stadtmantel und nähte weitere Druckknöpfe an. Ich bin in solchen Fummel- und Bastelarbeiten nie besonders schnell und gut.
Dann rief Primavera an. Sie überarbeitet gerade ihre Homepage, die ich ihr vor einigen Jahren eingerichtet hatte und machte unter meiner Anleitung sehr viele Veränderungen. Sie kann sehr viele Sachen sehr gut, zum Beispiel Klavier spielen, aber technische Dinge sind nicht so ihre Sache. Deshalb brauchten wir gut 2 1/2 Stunden, bis das meiste geklärt war.
Mittlerweile war es schon fast 19:00 Uhr. Ich schmierte mir ein paar Brote, und diskutierte mit dem Grafen ein bisschen über Work and Travel-Modelle.
Dann setzte ich mich wieder an die Druckknöpfe. Fluchend. Eine Arbeit für Leute, die Vater und Mutter erschlagen haben. Aber mit einem Hörbuch auf den Ohren wurde auch das fertig. Das Kind schickte mir zwischendurch ein Foto von einem Babyhöschen, dass sie genäht hatte und mir wurde es sehr sehr warm ums Herz. Der Graf ging noch auf ein Bier um die Ecke und wir bezogen vorher noch schnell die Betten.
Als ich mit Nähen fertig war, zog ich den sehr schönen Mantel an, und merkte, dass ich die Knöpfe auf die falsche Seite gesetzt hatte, ein Herrenverschluß. Ein typischer Kitty. Kein Kommentar.
Stadtmantel

Statt die Knöpfe wieder abzutrennen, setzte ich mich lieber an einen Strickstrumpf. Jetzt ist er fast fertig und ich werde bald ins Bett gehen.

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