9 Wochen

sind seit dem letzten Beitrag vergangen. Ich glaube, so lange habe ich noch nie nicht gebloggt. Immerhin gibt es von mir Texte seit 2003.

Ende Mai warteten wir darauf, dass wir das große Haus übernehmen konnten. Wir hatten extra eine längere Phase ohne Verpflichtungen in Berlin geplant, wollten vor Ort sein und schauen, dass wir die Übergabe in glatte Bahnen lenken können.

Wie das so ist mit Plänen. Mein Vater kam mit einer Lungenentzündung und dem Verdacht auf eine Herzentzündung ins Krankenhaus. Er hatte sich seit dem Januar nie richtig von einer Grippe erholt. Blöd war nur, dass es sich um MRSA handelte. Man packte die große chemische Keule aus, nach drei Wochen ging es wieder, da schrieb ich auch den letzten Post. Er war zu Hause, betreute ein Klassentreffen, plante die Teilnahme an der nächsten Wanderrudertour, obwohl er dafür noch nicht richtig fit war und schnitt in praller Sonne eine Hecke.
Das war keine so gute Aktion. Zwei Tage später und zwei Stunden, nachdem er vernünftigerweise die Teilnahme an der Rudertour abgesagt hatte, lag er wieder im Krankenhaus, er hatte mit seiner Herzschwäche noch eine Lebenserwartung von drei Monaten.
Nach einer eigentlich gut verlaufenen Herz-OP kamen Komplikationen. Vielleicht vermeidbar, im Verlauf der Zeit fiel eine blöde Entscheidung und jemand anders nahm etwas nicht so ernst wie nötig, aber man weiß es nicht.
Der Geist und die Seele wollten überleben, der Körper versagte. Immer wenn es wieder eine kleine Besserung gab, kam eine neue Infektion, ein Organausfall. Vielleicht hätte die Chance bestanden, dieses Leben unter Aufbietung aller Technik noch länger zu erhalten, in Hoffnung auf eine Besserung des Zustandes irgendwann einmal. Vielleicht hätte dann aber auch ein Mensch, dem seine Autarkie über alles ging, monatelang als Schwerstpflegefall auf die Erlösung gewartet.
Wir haben nach seiner Patientenverfügung gehandelt. Mein Vater starb am 1. August, er wurde 74 Jahre alt. Das ist heute eigentlich noch kein Alter, um so zu sterben.
Es war vorher keine leichte Zeit und auch hinterher nicht. Wir fällen mittlerweile Entscheidungen über Anfang und Ende des Lebens, weil es geht. Was aber auch heißt, wir müssen damit zurechtkommen.

Seit wir das große Haus übernommen haben, sind wir oder ich allein zweimal die Woche in meine alte Heimatstadt gefahren. 700km mit dem Auto oder 8 Stunden mit dem Zug. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, um mich abzulenken, aber irgendwie kam ich nicht voran. Mit fiel der Putz von den Wänden (nicht schlimm, da er völlig nikotinverseucht war), ich machte alles nur halb.
Gestern war die Beerdigung. Heute bin ich sehr müde.
Aber das Leben geht weiter und ich glaube, ich habe noch nicht so richtig verstanden, dass er nicht mehr da ist.

Schloß Pillnitz 1946

Trotzdem ging es hier voran. Der Dampfsauger war im Großeinsatz. Jetzt ist der alte Dreck endgültig raus. Alle Wände sind auf Bearbeitbarkeit und Material besichtigt. Zwei feuchte Stellen sind gefunden. Die spanische Regalkunst im Saal ist abgerissen.
Zwei Bäder sind fast fertig, die Duschkabinen von Kalk befreit oder neu gebaut, drei Toiletten sind wieder benutzbar weil sauber oder neu, die neue Badewanne muss nur noch angeschlossen werden. Viele eingetretene/kaputte Türen schließen wieder und haben ordentliche Beschläge. Die Dachentwässerung und die Rankpflanzen sind vorn und hinten zur Hälfte gereinigt/beschnitten. Der Anbau trägt einen Zentner Knöterich weniger. Wir arbeiten uns langsam und beharrlich durch.

Übrigens gibt es alle paar Tage Fotos eines Hausrundganges auf Instagram und Facebook.

Auch das noch:

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14 Gedanken zu „9 Wochen

  1. Mein Beileid, trotzdem oder weil das eine Phrase ist. Haben Sie es gut dort im Norden.

    Ich habe mindestens ebenso lang nicht kommentiert, aber was hat mich und viele andere eigentlich davon abgehalten? Das war doch früher nicht so.

    • Danke!
      Das mit den Kommentaren hat sich wahrscheinlich auf twitter verlagert.

  2. Mein herzliches, trotz der persönlichen Nichtkenntnis tief empfundenes Beiledi, weil: Wir sitzen irgendwie, ob West- oder Ost-Berlin, in einem Boot, und es ist immer wieder dieselbe Geschichte. Bitte einfach weitermachen, das Leben hinnehmen, und , ja, genießen. So gut es eben geht, es gibt nur eines.

    • Ach, was soll man machen. Irgendwann ist es immer so weit. Aber damit haben wir alle nicht gerechnet.

  3. Wie gut ich dich verstehe: gestern waren es 4 Jahre her, dass ich meinen sehr unabhängigen Vater aus dem KH abholte und nach hause brachte, von wo er nach wenigen Wochen ins Hospiz ging und kurz vor Weihnachten dann verstarb. Daher auch von mir aufrichtiges Beileid.
    Die Überlebensphase mit der Ablenkung durch Arbeit hatte ich auch (auch hier war sein Lebensmittelpunkt nicht wo ich lebe, wenn auch nicht so eine große Strecke) und auch ich musste das Weiterleben nicht nur organisieren sondern auch er-leben. Daher viel Kraft, und viele schöne Momente, die einen durch Tage und Zeit bringen.

  4. Mein ehrliches Beileid, das sich auf die gemachte Erfahrung stützt. Der Verlust eines Elternteils ist ein Leid von ganz besonders tiefer Qualität.

  5. Mein herzliches Beileid. Ihr habt alles richtig entschieden. Das Leben wartet nicht auf Entscheidungen, wir müssen sie immer selbst treffen. Wir werden garantiert bei Euch immer vorbeischauen auf dem Weg zur Ostssee/Darß. Viel Kraft Euch beiden.

    Liebe Grüße
    Peter Meyer

  6. Hach. Und ich dachte noch es muss Frau Koma ziemlich gut gehen, wenn Sie so wenig Muse zum bloggen hat.
    Den Wegfall eines Elternteils musste ich noch nicht erleben, aber den einer Oma die sehr viel bedeutet hat. Ich versuche das was ich an ihr geliebt habe in mir weiterleben zu lassen.

    LG
    Martina

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