23.9. 10

Der wahrscheinlich letzte Sommertag.
Das Wetter ist hier meistens sehr zuverlässig. Es fängt in der letzte Septemberwoche an zu regnen, damit die Weinbauern an einem der danach folgenden trockenen Tage prallen, süßen Wein ernten können. Der Wetterbericht hatte schon für den gestrigen Tag Wolken vorhergesagt, die aber in den Bergen hängengeblieben waren. Nun hing frühmorgens eine dünne Schäfchenwolkenschicht über dem ganzen Himmel.
Es hieß abwarten. Ich nahm mein Rotkäppchenkörbchen und ging zu dem verlassenen Sommerhaus. Eine Viertelstunde später machte ich mich mit drei Kilo Pflaumen auf den Rückweg. Sie waren mir entgegengerollt, als ich nur die Hand darunter hielt. Ich ließ beinahe vor Schreck den Korb fallen, als eine Schlange hinter meinen nackten Fersen den Weg querte. Aber die sind hier harmlos.
Die Pflaumen kamen aufgeschnitten in eine große Pfanne. Während ich schnipselte, bekam der Himmel erste blaue Regionen und bald klarte es ganz auf.
pflaumen
Darauf hatten der Gastgeber und ich nur gewartet. Wir packten ein paar Sachen und fuhren zum Hafen. Keine Stunde später ankerten wir an einem Felsen vor der Küste und schnorchelten nach Fischen. So langsam groovte ich mich wieder ein. Schließlich bin ich ein Wasserwesen. Die meisten Fische hatten scheinbar Mittagspause. Dafür gab es eine Menge schöner Seesterne zu besichtigen. (Für Tierfreunde: Sie durften nach der Fotosession wieder ins Wasser.)
seestern
Da das Wasser wirklich recht kalt war, 20 bis 23 Grad, war das Aufwärmen hinterher doppelt so angenehm. Ich döste vor mich hin und drehte immer mal die strategisch wichtigen Stellen in die Sonne. Nahtlose Bräune zu bekommen, die nicht sofort wieder abblättert, ist schließlich eine Kunst. Soundtrack des Tages: Best of Scorpions. Wat mutt, dat mutt. Und Foreigners. Falls sich noch jemand erinnert.
Als ein paar Schlauchboote mit Tauchern auf den Felsen zusteuerten, hoben wir den Anker und schipperten in eine nahe Bucht. Dort gab es Mittagessen: Pflaumenkuchen mit Prosecco.
Wir schliefen eine Runde und lasen Bücher mit Zweiworttiteln. Ich Juliet naked, der Gastgeber Peking Koma. Dann machte er sich dann zu einer langen Unterwassertour auf, denn eine Bucht weiter gab es Oktopoden. Ich hatte zwar die große Klappe, daß einer davon unser Abendbrot sein könnte, aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ihn auf einem Stein totzuprügeln und der Gastgeber schon garnicht. Ich nutze den Platz auf dem Boot, um noch eine Runde zu schlafen, bis mich mein Purzelbaum schlagender Magen weckte. Die Wellen waren inzwischen selbst in der Bucht einen halben Meter hoch und das Boot mußte ein Stück weiter in ruhigeres Wasser verlegt werden. Die Sonne hatte sich inzwischen leicht verschleiert, aber das Wetter hielt sich noch ein, zwei Stunden.
Ich machte noch eine Runde durchs Wasser, Fische kucken. Lange mit roten und grünen Streifen, runde mit einem schwarzen Punkt, ganz silberne und schwarz gestreifte mit dicken Lippen, die mit wichtiger an den Miene an den Steinen knabberten.
Als ich zurückkehrte wollte ich mich wieder entspannt in die Sonne werfen, doch da kam nicht mehr viel vom Himmel. Sie stand schon niedrig und bezogen über dem silberglitzernden Horizont. Lesen war auch unmöglich geworden, weil der Bug des Bootes meterhoch in den Himmel wippte und mein Magen den Rhythmus immer sauerer mitgluckerte.
Wir machte uns auf den Rückweg.

Am Abend verwandelte ich das Erdgeschoß in eine Hexenküche. Auf dem Herd brodelte die Pfanne mit den Pflaumen. Ich schöpfte erst Saft ab, den ich später wieder dazu gab und schaffte es tatsächlich, nicht ein einziges Mal umzurühren, denn dann hätte der Brei angefangen, mit heißen Pflaumenstücken zu schießen. Nebenbei fabrizierte ich aus dünnen Putenschnitzeln Involtini al Limone mit Salbei und Kapern gefüllt, dazu Rosmarinkartoffeln. Nach dem Essen war das Pflaumenmus soweit. Ich rührte es auf dem Feuer so lange, bis es glatt und dick war. Es war zuckersüß, ohne auch nur einen Krümel Industriezucker gesehen zu haben. Für die Würze hatte ich Zimt und Nelken zugegeben. Ich füllte drei mittlere Einmachgläser und hatte Gott sei Dank Hilfe bei der Dekontaminierung der Küche. Was schnell ging, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich sah mich schon stundenlang dunkelroten Fruchtsaft von den Steintischen scheuern.

Nach getaner Arbeit wurde ich mit einer Shisha mit Erbeertabak belohnt, als Goodie gab es noch Toffifee obendrauf. Soundtrack des Aebnds: Archive, Londinium. So läßt es sich leben.

PS Fotos folgen.

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2 Gedanken zu „23.9. 10

  1. gott, wie schön. *doppel-hach*
    und selbstgemachtes pflaumenmus ohne zugesetzten zucker – ein traum.
    nächstes jahr mach ich sowas auch.

    viele liebe grüße!

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