1- Zeit für Tagebuch

Ich mache das seit ein paar Jahren im Frühjahr und Herbst. Jetzt habe ich doch den Märzanfang dafür verpeilt… egal.
Seit Montag liegt ein langer Blogartikel in der Pipeline und bin bin mal wieder hin- und hergerissen. Mal sage ich mir: Kitty, schieß die Texte nicht so schnell in die Welt, denke mal drüber nach und redigiere, dann werden sie besser! Und was passiert? Ich frage mich drei Tage später, ob der Text denn sooo wichtig ist, daß ich ihn veröffentlichen will. So geht das nicht. Blogs leben schließlich von diesem schnellen, rohen Schreiben. (Ich hatte ein paar Sätze zu meiner Arbeitsmethode geschrieben. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich über meine Arbeitsmethode reden schreiben will.)
Also Bahn frei für eine Menge Gedankenquark:

Themenwechsel. Nachlese.
Mein IM-Artikel von voriger Woche hat mich noch im Nachhinein sehr beschäftigt. Zum einen war ich mit meiner Familie im Auge des Tornados. Zu mir kam keiner und hat mir offeriert, daß ich das oder jenes nur erreichen kann, wenn ich kooperiere. Es war im Gegenteil leicht verpönt und mit den Bemerkungen „überleg dir, ob du das möchtest“ und „du kannst auch anders etwas erreichen“ verbunden. Und doch zogen sich Offerten durch meine Jugend wie die Versuchungen Jesu. Da kommt so eine Gestalt zu dir und macht dir Angebote. Provoziert dich ein bisschen, meint, man wolle doch das Gleiche und offeriert dir am Schluss so eine Art Weltkönigtum als kommunistischer James Bond. Dazu die Konditionierungen und die Zweifel. In so einem geschlossenen System bauen sich andere Wertmaßstäbe auf. Was ist gut, was ist richtig? Und was antwortest du, wenn dich einer fragt, ob du nicht für die Arbeiterklasse wärest, dein Großvater wäre schließlich auch Arbeiter gewesen und du und deine Eltern hätten diesem Land viel zu verdanken?
Ich habe mehr Schwein als Verstand gehabt.

Themenwechsel. Das Wetter und die Gesundheit.
Ich konnte diese unwirkliche Frühlingssonne gar nicht glauben, als ich gestern durch den Mauerpark stiefelte. Dabei ist sie soo nötig. Ich konnte zum ersten Mal seit Wochen die Rapunzelhaare wieder runterlassen. Sind sie doch im Winter immer strohtrockenes Gefissel. Ja, meine Haare können gleichzeitig fettig, trocken und elektrisch geladen sein. Der Hammer war, wie ich vor ein paar Wochen in einer Umkleidekabine stand und lose Strähnen, von einem vollsynthetischen Vorhang angezogen, mich in eine Gorgone verwandelten.
Der Haut geht es auch wieder besser, die Dunkelheit machte mich zum räudigen Schlafwesen. Ich hatte lange nicht mehr so schlimme Neurodermitis.
Am Abend schlief ich wie ein Stein. Vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit ohne Übergang, das kriege auch nur ich hin.

Themenwechsel. Die liebe Verwandtschaft.
Am Ende des Mauerparkes hat meine Tante ihr Büro. Ich schaute kurz bei ihr rein. Seit KKM tot ist, sehen wir uns nur noch selten. Sie wird mit 61 zum dritten Mal Oma und ist eine der schönsten 60jährigen Frauen, die ich kenne. Und das ohne Kriegsbemalung, Lifting und tägliches Frisurtuning.

Themenwechsel. Politik. Oder Gesellschaftliches.
Ich habe endlich herausbekommen, was mich bei #aufschrei so triggerte, dass ich mich – eigentlich unüblich für mich – so vehement äußerte.
Meine Mutter und ihre Mutter. Mama möge es mir verzeihen. Ich kenne es mittlerweile auch, daß ein Kind sein eigenes Verhalten aus Prägung herleitet. Da muß man durch, wenn man Kinder hat.
#aufschrei gab es nämlich schon in meiner Familie. Frauen, die seitab in kurzen Sätzen zu einem sprechen oder ins Leere, was „der“ wieder gemacht hat und ihnen widerfahren ist. Meine Oma hat das zur Meisterschaft gebracht, solche Zweizeiler ungerührt in die Runde zu trompeten. (Einziger Unterschied: Über Sexualität wurde in diesem Teil der Familie nicht geredet. Die wurde ertragen.)

Der war doch gestern schon wieder besoffen.
Der hat das Monatsgehalt jetzt schon aufgebraucht und das Kind weiß nicht, wovon es einkaufen soll.
Der Kowalski hat schon wieder seine Olle verprügelt.
Der Müller tut so, als wäre nichts, dabei kommt er von seiner Geliebten.

Darauf angesprochen, was das solle, war die Antwort: Ich sag das doch nur so. Der soll sich ärgern.

Meine Mutter war zurückhaltender. In der Regel war eines der Kinder der Zuhörer.

Der hat schon wieder X.
Der will nicht Y.
Der hat gesagt Z.
Der will, daß ich A.

Seit ich 9 oder 10 Jahre alt war, beklagte sich meine Mutter bei mir in diesen #aufschrei-ähnlichen Sätzen. Ich hatte Angst, ohnmächtige Wut und wollte meine Mutter schützen. Später, als ich älter wurde und die Handlungsoptionen anderer kennenlernte, fragte ich sie, warum sie nichts täte und machte ihr Vorschläge, was sie tun könnte. Ihre Antworten waren immer die gleichen:

Ach naja.
Kann ich nicht.
Will ich nicht.
Hat doch keinen Sinn.
Geht nicht, weil…
Der muss was ändern, der macht ja XY.
Ich halte das nur für euch durch. (!!!)

Das war eine studierte Frau, die zeitweise mehr verdiente und in höherer Position war als mein Vater und die anderen Menschen, über die sie sich beklagte. Die mir jahrelang erzählte, sie werde mehrmals die Woche von einem sexuellen Belästiger angerufen, nach der Stimme ihren direkten Untergebenen vermutete und nichts tat, nicht einmal die Trillerpfeife benutzte.
Heute beende ich jedes dieser Klagelieder ziemlich schnell. Ich sage ihr, dass sie es nun schon fast 50 Jahre durchhält, in solchen Verhältnissen zu leben und wenn sie es nicht ändere, könne ihr niemand helfen. Interfamiliäres victim blame, sicher. Aber anders weiß ich mir nicht mehr zu helfen.
Komischerweise hat sie mich gelehrt, nicht das Mädchen zu geben. Sie fand es ok., wenn ich mich mit Jungs geprügelt habe. Sie lehrte mich, mich zu wehren. Und tat es selbst nicht.

Auch das noch:

  • SchwierigSchwierig Wenn ich in meiner allernächsten Nähe nichts darüber erzähle wie es mir beruflich geht und was mir aktuell so […]
  • SehnsuchtSehnsucht Leser, die schon länger dabei sind kennen das Thema. Plötzlich ploppt es wieder auf. In irgendeiner Zeitung las ich etwas […]
  • 18.10. 1018.10. 10 Wieder einer dieser Tage, von dem gesagt wird, daß hinterher das gute Wetter definitv vorbei ist und man ihn deshalb nutzen […]
  • ZeitschockZeitschock Oh, seit dem letzten, etwas kryptischen Blogbeitrag sind drei Wochen vergangen, in denen ich einfach gelebt habe. Die Erklärung […]

7 Gedanken zu „1- Zeit für Tagebuch

  1. Liebe Kitty,
    mich berühren Ihre Texte oft sehr, was daran liegen mag, dass ich ähnlich sozialisiert bin (Ossi und nur wenig jünger) und mich in vielem wiederfinde. Gerade ihr Text zur #aufschrei-Debatte hat mir sehr gefallen. Also nicht so viel zweifeln!
    Zur Bekämpfung der Neurodermitis noch ein Tipp: Vitamin D täglich mindestens 1.000 I.E., damit halte ich, die meines Liebsten erfolgreich in Schach und mich bei Laune. Wir nehmen Vitamin D3-He***, da kosten 100 Stk. keine 10€, aber die Marke ist letztendlich egal.

  2. Also, ich denke da überhaupt nicht an „victim blame“, sondern an die manipulative Macht des „gut gepflegten Opfertums“, wie ich es immer nenne – jammern, aber bloß nichts ändern wollen, weil, hat ja Konsequenzen und verlangt, Verantwortung zu übernehmen. Die anderen zu manipulieren, statt z.B. um Hilfe zu bitten, wenn das Selbst-Machen nicht geht, ja, ja.

    Ist Ihnen übrigens mal die Idee gekommen, dass Sie als Kind nicht die richtige Adresse waren, um die „der“-Klagen der Erwachsenen abzubekommen? Das ist Abladen von Kummer und Sorgen der Erwachsenen auf Schwächere und eine Verdrehung von Ursache und Wirkung. Erwachsene sollen ihre Kinder nicht mit so was belästigen. Kinder sind nicht die besten Freunde der Erwachsenen, da geht was mit den Rollen sehr durcheinander.

    Was meine These vom Andere-Manipulieren und Benutzen nur bestätigt.

    Ich kenne diese Geschichten aus meiner Familie allerdings nicht im Zusammenhang mit sexueller Belästigung oder Gewalt, bei uns wurde „nur“ emotional manipuliert, das dafür aber formvollendet. Und ich glaube, meine Oma und meine Tante haben das Sich-Wehren wiederum sehr gut draufgehabt, also das echte Sich-Wehren. Meine Mutter war die große Emo-Manipuliererin.

    Ach ja, das mit dem „Nicht-das-Mädchen-Geben“ kenne ich natürlich auch …

    • Ja, diese Rollenverdrehung nehme ich meiner Mutter im Nachhinein auch sehr übel. Bei meiner Tochter habe ich sehr darauf geachtet, dass das nicht passiert.
      Es hat mich überfordert, zum Zeugen gemacht und sehr früh im Zusammenhang mit einer anderen Konstelkation – mein Bruder war das „eigentliche“ Kind meiner Mutter – ins Erwachsensein getrieben. Schön war das nicht.
      Und auf gut gepflegtes Opfertum reagiere ich seither allergisch.

  3. Sind das nicht auch so typische Büro-Sätze? Also weniger frauenspezifisch, sondern eher Kennzeichen einer bestimmten Angestellten-Mentalität?
    (Freiberufler sind auf andere Weise unerträglich…)

    • Wenn wir es mal runterbrechen: das sind Sätze von Menschen, die glauben, es ist etwas mächtiger als sie und sie können das selbst nicht ändern.
      Im Angestelltenverhältnis ist das erlaubt. In der klassischen Versorgerehe sicher auch. Aber bei studierten, emanzipierten Frauen?

  4. Also das mit den Müttern … mich hat das getriggert … gerade vor kurzem hatte ich ein bedenkliches Telefonat mit meiner Mutter. Was ich für ein spezielles Mutter-Tochter-Ding halte ist der Anspruch von Müttern, dass ihre Töchter sie doch verstehen müssten. So eine Art symbiotische Conditio sine qua non oder so, ich weiss nicht, vllt ist das in meiner Biographie übersteigert.
    Jedenfalls habe ich gemerkt, dass ich viel von meinen Eltern gelernt habe und nunmehr nachgerade beleidigt bin, weil meine Mutter (mein Vater ist nicht mehr) das, was ich daraus entwickelt habe, gar nicht annehmen kann oder will. Weil eben – sie müsste sich ja ändern, Verantwortung für sich übernehmen usw, siehe oben.
    Muss sie ja eigtl auch nicht, aber es ist enttäuschend auf eine Art. Vor allem, wenn der Anspruch durchscheint, dass ich sie immer zu verstehen hätte. Dabei ist meine Mutter ein durchaus imposant-starker Charakter …

    • Das ist vielleicht meine ganz private Schrulligkeit, da ich von vornherein davon ausgehe, dass mich sowieso niemand versteht. Und meine Mutter schon gar nicht, da mich in der entscheidenden Zeit meine Großmutter väterlicherseits geprägt hat.
      Aber diese Blutsbande sind rational kaum zu durchdringen. Müssen sie wahrscheinlich auch nicht. Wo kann man sonst hinkommen, wenn man gerade eine Bruchlandung hingelegt hat, bekommt ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und man muss nichts erklären.

Kommentare sind geschlossen.